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Dorothy Tiffany Burlingham

Die Einfühlung des Kleinkindes in die Mutter

(Vorgetragen in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung am 19. Mai 1935 ; aus dem Englischen übersetzt von Anna Freud. Imago, XX Band, 1934, Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Leipzig – Wien – Zürich – London, pp. 429-444.)


In meinem Aufsatz „Kinderanalyse und Mutter“ habe ich die Stärke des mütterlichen Einflusses auf das Kind darzustellen versucht[1]. Ich konnte damals an dem Bruchstück einer Kinderanalyse zeigen, wie das Bild der Probleme des Kindes ständig durch die Einwirkung der bewußten und unbewußten Gefühlsreaktionen der Mutter verzerrt und getrübt wird. Diese gegenseitige Beeinflussung der Affekte zwischen Mutter und Kind hat seitdem nicht aufgehört, mich als Problem zu beschäftigen. Ich möchte das gleiche Thema auch heute mit einigen weiteren Beobachtungen und Überlegungen fortsetzen. Dabei betone ich ausdrücklich, daß mein Thema nicht mit dem der Entwicklung der Beobachtungsgabe beim Kleinkind identisch ist. Diese letztere Frage ist das viel weitere Problem, das in einer großen Anzahl experimenteller schulpsychologischer Arbeiten Bearbeitung gefunden hat. Während diese Arbeiten die Beobachtung der intellektuellen Entwicklung in den Vordergrund stellen und die Affektentwicklung in zweiter Linie betrachten, beziehe ich mich hier ausschließlich auf Affektbeobachtung und Affektentwicklung und führe das Intellektuelle nur beispielsweise mit an.
Das kleine Kind ist vor allem ein Empfänger von Reizen. Von einem gewissen Alter an beginnt es, diese empfangenen Reize auch zu verarbeiten; wir sagen: es beobachtet. Diese Beobachtungstätigkeit beschränkt sich natürlich nicht nur auf das Sehen, sondern bedient sich gleichmäßig aller Sinnesorgane. Manche dieser Beobachtungen werden den Eltern auffällig, die dann in irgendeiner Weise, ermutigend oder abmahnend, auf diese Tätigkeit des Kindes reagieren. Aber der Großteil der kindlichen Beobachtung bleibt Privatangelegenheit des Kindes.
Wir können annehmen, daß das kleine Kind seine Aufmerksamkeit sehr frühzeitig auf das wechselnde Mienenspiel der Mutter richtet und je nach dem Gesehenen Lust oder Unlust aus seinen Beobachtungen bezieht. Es beobachtet unbemerkt, macht seine eigenen Erfahrungen, zieht seine eigenen Schlüsse aus ihnen und stapelt sie zur weiteren Verwertung auf. Es erwirbt auf diese Art, ohne es zu wissen, selbst die wertvollsten Erkenntnisse. Ein bestimmter Ausdruck, den es auf dem Gesicht der Mutter sieht, bedeutet zum Beispiel bevorstehendes Vergnügen. Ein anderer Ausdruck bedeutet Eile; die Mutter wird das, was sie für das Kind zu tun hat, so schnell wie möglich beenden und es verlassen. Ein anderer Ausdruck wieder bedeutet, daß die Mutter mit etwas anderem beschäftigt ist; das Kind weiß, daß sein verlockendstes Lächeln unbeachtet bleiben wird. Aus solchen und ähnlichen Erfahrungen baut das Kind eine Innenwelt auf, in der es Alleinherrscher ist und die es fortwährend durch das Hinzufügen neuer Erfahrungen an neuen Ausdrücken und Eigenheiten der Mutter vervollständigt. Diese Innenwelt setzt sich aus dem Niederschlag von Erfahrungstatsachen zusammen. Sie wird um so komplizierter, je mehr die Beobachtungsgabe des Kindes auch für kompliziertere Ausdrucksbewegungen und Affektanzeichen auszureichen beginnt. Diese Beobachtungsfähigkeit des Kindes, die schon im Säuglingsalter vorhanden ist, wächst mit dein Kind, kann zu bestimmten Zeiten außerordentlich stark werden und läuft im allgemeinen neben der Entwicklung jener Fähigkeiten her, welche die Eltern durch Erziehung fördern und durch Lob und Tadel im Zaum zu halten versuchen. Aber diese eine Fähigkeit des Kindes kann die von der Erziehung geförderte sonstige Entwicklung gelegentlich weit überflügeln. Den Eltern bleibt nichts anderes Übrig, als sie mit Erstaunen zur Kenntnis zu nehmen. Diese Geheimkenntnisse ihres Kindes erscheinen ihnen als etwas Außerordentliches, Unverständliches, ja Übernatürliches. Wir wissen alle, wie rätselhaft den Eltern die sogenannte „Intuition“ des kleinen Kindes erscheint. Eine Mutter, die Anlaß zur Traurigkeit hat, wird überrascht davon, daß das kleine Kind plötzlich neben ihr steht, sie anfaßt und fragt: "traurig?" Das Kind hat die Stimmung der Mutter ohne weiteres erraten. Oder das Kind steckt der Mutter eines seiner Spielzeuge in die Hand, eine Handlung, die die Mutter leicht als Tröstungsversuch errät. in anderen Fällen wieder sind die Eltern oder die Kinderpflegerin von dein Gedankenlesen des Kindes durchaus nicht angenehm berührt. Die Kindcrschwester ist in Eile; sie hat Ausgang. Aber das Kind ist besonders schwierig, es hat irgendwie gespürt, daß es verlassen werden soll. Ein anderes Mal ist die Mutter verstimmt und das Kind wird plötzlich ganz ohne Grund weinerlich, ist nicht zum Essen und zum Einschlafen zu bringen; es muß die Verstimmung der Mutter beobachtet haben und davon angesteckt worden sein. Diese Intuition des Kindes erinnert am meisten an den Spürsinn der Tiere. Das Kind beobachtet und versteht, aber es teilt seine Beobachtungen nicht mit, sondern verwertet sie im eigenen Wirkungskreis.
Das Kind schätzt diesen Selbstunterricht offenbar viel höher ein als die Belehrungen, die die erwachsene Welt ihm zukommen läßt. Das auf diese Art Erlernte hatden Vorteil, auf eigenen Beobachtungen aufgebaut zu sein. Die Erkenntnisse, um die es sich handelt, sind nichts Starres, sie werden je nach den neu dazukommenden Erfahrungen fallen gelassen, verändert und erweitert. Die Welt andererseits, in die die Erwachsenen das Kind durch Worte und Erklärungen einzuführen versuchen, hat mit Tatsachen wenig zu tun. Hier handelt es sich fast immer um Annahmen, um Vorurteile, oft sogar um Lügen. Das kleine Kind lernt auf die" Weise gleichzeitig in zwei Welten zu leben: in seiner eigenen selbst aufgebauten Tatsachenwelt, die es mit niemandem teilt, und in der Wortvorstellungen überflüssig sind; und in der anderen Welt, in der Beobachtungen nur eine untergeordnete Rolle spielen und die Erfahrungen durch die Erziehung vermittelt werden. Die Sachvorstellungen dieser Welt werden durch Wortvorstellungen ergänzt.
Versuchen wir, uns den Tatsachenaufbau dieser zweiten Welt vor Augen zu führen. Das kleine Kind lernt auch hier, daß das Feuer brennt und daß Hineinfallen weh tut. Aber wie belehrt die Mutter das Kind: Sie zeigt mit dem Finger auf einen brennenden Ofen und sagt dazu das Wort heiß. Aber am nächsten Tag zeigt sie wieder auf den diesmal nicht brennenden Ofen und sagt dazu das gleiche Wort heiß. Der Ofen. ist zwar diesmal kalt, aber die Mutter möchte das Kind ein für allemal vor dem Ofen warnen, der ja schon in einer nächsten Stunde wieder angezündet werden kann. Das Kind läßt sich natürlich nicht täuschen. Seine Beobachtungsgabe ist viel zu geschärft, als daß es nicht einen heißen von einem kalten Ofen unterscheiden könnte. Aber der Eindruck dieser Belehrung ist doch ein verwirrender. Was die Mutter sagt, scheint hier und in anderen Fällen nicht zu stimmen. Diesen und anderen falschen Tatsachen begegnet das Kind dann immer wieder in verschiedenen Variationen. So kommt zum Beispiel ein Besucher zur Mutter. Das Kind beobachtet ihn mit Interesse, stellt fest, daß er ein Wimmerl auf der Nase hat und sagt: „Du hast etwas auf deiner Nase“. Es entsteht eine peinliche Situation, für die die Mutter dem Kinde böse ist. Das Kind erfährt daraus, daß es Gelegenheiten gibt, bei denen man über seine Beobachtungen schweigen muß. Ein andermal läuter es an der Tür und das Kind hört, wie die Mutter sich verleugnen läßt. Das Kind fragt sich erstaunt, welchen Grund zum Lügen die Mutter denn haben kann. Allmählich lernt es dann, die Welt als eine Mischung von Wahrheit und Lüge einzuschätzen. Seine Kombinationsfähigkeit ist groß genug, um es zu lehren, daß seine Innenwelt und seine Außenwelt von sehr verschiedener Art sind. Es vergleicht das Weltbild, das die Eltern ihm bieten, mit seinem eigenen und es findet die eigene Welt klarer, verläßlicher und verständlicher. Hier beginnt ein ernsthafter Konflikt des Kindes. Seine Liebe für die Eltern und sein großes Bedürfnis, von ihnen geliebt zu werden, zwingen es, sich auch ihrer Welt anzupassen. Das gelingt ihm auch, allerdings nur unter großen Einbußen an anderer Stelle. Bisher hatte das Kind die Realität sehr hoch geschitzt. Es hatte als selbstverständlich angenommen, daß auch die Eltern seiner Tatsachenwelt zuzurechnen wären. Das Kind hatte sich die Eltern ebenso verläßlich vorgestellt wie die anderen Stücke seiner Wirklichkeit. Sie sollten unfehlbar sein, sicher und berechenbar in ihren Handlungen, so daß man sich in jeder Situation auf sie verlassen könnte. Die Enttäuschungen dieser Erwartungen des Kindes können nicht ausbleiben. Das Kind beobachtet die Eltern und stellt fest, daß sie unverläßlich sind, wandelbar und heuchlerisch und von Motiven geleitet, die von denen des Kindes sehr verschieden sind, so daß es zu ihrem Verständnis keinen Zugang finden kann.
Aber ehe das Kind diese in der Welt übliche Verkehrung der Tatsachen kennengelernt hat, hat es noch andere, noch verwirrendere Erfahrungen gesammelt. Es hat gelernt, daß man auch den Affektäußerungen der Eltern nicht immer trauen kann. Das Affektleben der Menschen in der Außenwelt ist der Innenwelt des Kindes näher verwandt und darum leichter mitzufühlen und zu verstehen. Die Mutter lächelt zum Beispiel, aber das Kind spürt, daß dieser freundliche Gesichtsausdruck etwas anderes verbirgt; sie ist vielleicht zur gleichen Zeit böse, ängstlich, ärgerlich und lächelt nur ganz oberflächlich. Wir erinnern uns an den Ausgangspunkt der kindlichen Beobachtung, an das Studium des Mienenspiels der Mutter und der daraus resultierenden Lust und Unlust. Das Kind muß jetzt den nächsten Schritt in der Erkenntnis machen: es kommt vor, daß der Affekt der Mutter und ihr Ausdruck nicht übereinstimmen. Es kann vorkommen, daß die Mütter alle Handlungen der Pflege an dem Kind vollzieht wie an allen anderen Tagen und das Kind doch spürt, daß sie alles, was sie tut, gegen einen Widerstand ausführt. Oder die Mutter hat Angst, möchte die Angst aber nicht auf das Kind übertragen und verleugnet sie; trotzdem fühlt das Kind ihre Angst. Die Mutter ist voll Zärtlich" keit für das Kind, aber eigentlich ist es doch ein ungewolltes Kind, das ihr eigenes Leben nur stört; sie tut alles dazu, um es das Kind nicht fühlen zu lauen. Aber das Kind spürt trotzdem etwas Fremdes in ihrer Zärtlichkeit. In allen diesen Fällen handelt es sich um Affekte, die die Mutter dem Kind zuliebe bewußt vortäuschen möchte.
Aber das Kind hat nicht nur die Affekte verstehen gelernt, die sich seiner eigenen Person zuwenden, es hat auch Erfahrungen im Beobachten der Gefühlsbezichungen anderer Menschen untereinander gesammelt. Manchmal ist es ihm nur zu klar, daß auch diese Gefühlsvorgänge sich um seine Person drehen. Seine Eltern sind zum Beispiel in Sorge um sein Leben, sie sind ganz eins in dem ihm zugewendeten Gefühl. Ein anderes Mal sind sie in ihren Gefühlen entzweit, das Kind versteht, daß es der Streitpunkt ist, um den ihre Affekte in Konflikt miteinander geraten sind. Das Kind beobachtet und wird von seinen eigenen miterregten Gefühlen zwischen den streitenden Parteien hin- und hergerissen. Aber häufig genug ist das Kind nur der unbeteiligte Dritte. Es merkt, daß die Erwachsenen ihre wirklichen Gefühle-nicht nur vor ihm verbergen, sondern auch voreinander. Sie sprechen zueinander und meinen das Gegenteil. Die Mutter tut ihr Möglichstes, um ihre Liebesgefühle, ihre Ängste, ihre Freuden und ihre Eifersucht nicht nur vor dem Kind, sondern auch vor den anderen Erwachsenen geheimzuhalten. Sie spielt auch vor dem Vater Verstecken, spielt zum Beispiel die Kühle und Gleichgültige, wenn sie gerade das Gegenteil fühlt. Sie betrügt also nicht nur das Kind, sondern auch den Vater. Andere Male fühlen Vater und Mutter das gleiche und verbergen es nur vor den anderen; oder der Vater zeigt sein Gefühl vor anderen und verbirgt es vor der Mutter.
Die geschärfte Beobachtung des kleinen Kindes befähigt es, auch in dieser erweiterten Außenwelt noch Tatsachen zu sammeln und Schlußfolgerungen zu ziehen. Es fühlt Betrug und Täuschung hier genau so wie in der Beziehung zu seiner eigenen Person, d. h. es spürt sie, ohne die Hintergründe zu durchschauen. Gerade aber weil das Kind so viel sieht und so viele Eindrücke sammelt, wichst auch sein Wunsch, zu verstehen. Es kann zum Verständnis der erwachsenen Welt wieder nur seine eigene Tatsachenwelt heranziehen. Es durchschaut also die Unehrlichkeiten der Eltern und der anderen Erwachsenen, es erkennt, daß Handeln und Fühlen bei ihnen nicht übereinstimmen. Es akzeptiert diese Unsicherheit als eine neue Tatsache.
Die Lage des Kindes, das sieht und nicht versteht, wird immer schwieriger. Die Kluft zwischen seiner Tatsachenwelt und der Welt der Eltern vergrößert sich ständig. Solange das Kind nicht zu sehr verwirrt wird und die Beziehungen zu den Eltern nicht zu sehr gestört werden, wird es versuchen, seine Neugier durch das stetige Sammeln und Aufstapeln von beobachteten Tatsachen weiter zu befriedigen. Aber es wird bei diesem Verhalten an eine Grenze des Möglichen kommen. Diese Grenze ist erreicht, wenn das Sexuelle sich in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit schiebt und die dabei im Kind aufspringenden leidenschaftlichen Wünsche von Eifersucht, Enttäuschung und Kastrationsangst bedroht werden. Hier kann das Kind auf dem geraden Weg nicht weiter. Es nimmt Zuflucht zu irgendeiner der Methoden, die ihm zur Bewältigung unlösbarer Konflikte zur Verfügung stehen. Seine Fähigkeit zur Beobachtung wird durch Hemmungen eingeschränkt. Es verdrängt oder entstellt Tatsachen, die es in der Vergangenheit erfahren hat. Es bedient sich also von nun an der in Gefahrsituationen üblichen Abwehrmechanismen.
Alles, was ich in der heutigen Arbeit bisher zu zeigen versucht habe, läßt sich eigentlich in einen einzigen Satz zusammenfassen- ich behaupte, daß das Kleinkind größere und weiterreichendere Fähigkeiten der Beobachtung hat, als man sich bisher vorgestellt hatte. Hatte man bisher oft an eine erstaunliche telepathische Begabung des Kindes geglaubt, so lassen sich die gleichen Phänomene jetzt viel einfacher auf die Schärfe seiner Beobachtungsgabe zurück führen.[2] Das Kind merkt auf, zieht Schlüsse aus dem Beobachtet-en und reagiert in der Folge auf das Gesehene und seine Schlußfolgerungen. An diesem Vorgang bleibt nichts Unheimliches mehr, wir sind mit diesem Erklärungsversuch dem Verständnis des Kindes um einen Schritt näher gekommen. Leider ist unsere Untersuchung damit aber noch nicht zu Ende. Ich fürchte fast, daß wir bei dem Versuch, ein Problem zu lösen, mit einem neuen und noch schwierigeren zusammengestoßen sind.
Kehren wir noch einmal zum ersten Lebensjahr des Kindes zurück, um es init der ersten Lebenszeit irgendeines Tierjungen zu vergleichen. Wie weit gehen die Ahnlichkeiten zwischen ihnen? Beide machen eine Lernzeit durch. Sie üben sich darin, ihre Sinnesorgane zu gebrauchen, sie entwickeln ihre Fähigkeiten, sie verhalten sich rezeptiv, zeigen Intuition, lernen zu kombinieren und zu folgern. So weit finden wir vor allem Ähnlichkeiten. Die Unterschiede beginnen, wenn wir in beiden Fällen den Abstand zwischen- jungem und Muttertier betrachten. Die Tiermutter hat sich im Laufe ihres Lebens im Gebrauch ihrer Sinneswerkzeuge immer weiter vervollkommnet. Ihre Empfänglichkeit und ihr Verständnis für von außen ankommende Reize sind weit größer, als sie es in den ersten Lebensmonaten gewesen sind. Bei ihr können wir -eine gerade Entwicklungslinie verfolgen. Die. menschliche Mutter dagegen hat im Laufe ihres Lebens viel von der Intuition und Beobachtungsgabe verloren, die sie als Kind besessen hat; wir können nur mehr Restbestände dieser Fähigkeiten bei ihr finden. Dafür hat sie den ganz anders gerichteten komplizierten Erziehungsprozeß über sich ergehen lassen, der sie zur Anpassung an die Sitten und Gesetze der menschlichen Gesellschaft befähigen soll.
Diese Unterschiede im Endziel der Entwicklung lassen verstehen, daß die Anpassungsaufgabe, die vor dem Menschenjungen einerseits, dem Tierjungen anderseits liegt, von sehr verschiedener Art sein muß.
Während also Tierjunge und das Menschenjunge viel Ahnlichkeit miteinander haben, lassen sich zwischen der Tiermutter und der Menschenmutter vor allem Unterschiede finden. Die Anpassungsaufgabe, die vor dem Tierjungen und vor dem Säugling liegt, ist daher von sehr verschiedener Art. Das Tierjunge wird von seinen Instinkten geleitet und teilt alle seine Interessen mit der Mutter. Es lernt sehr schnell verstehen, was in der Mutter vorgeht. Es erfährt durch die Beobachtung ihres Verhaltens, was ihr Lust bringt und was ihr Angst macht. Es erfährt dabei auch gleichzeitig, wovor es sich selbst zu fürchten hat und wo es sich sicher fühlen kann. Die Verhältnisse für das Tierjunge liegen eigentlich sehr einfach, seine Weiterbildung geht geradlinig und ungestört vor sich. Es gibt in seinem Leben vor allem keine Widersprüche. Im Leben des Kleinkindes hingegen gibt es nichts als Widersprüche- Die Unstimnugkeiten im wechselnden Verhalten der Mutter., die dem Kind auffällig werden müssen, habe ich bereits aufgezählt. Die Affekte der Mutter stimmen nicht mit ihren Ausdrucksbewegungen überein. Die Erziehung fordert von dem Kind Leistungen, die die Eltern selber nicht vollbringen. Das Kind möchte nachahmen, kann die Nachahmung aber soundsooft nicht verwenden. So verstrickt das Kind sich allmählich in Konflikte. Seine Beobachtungen widersprechen einander. Ein Muttertier, das sich fürchtet, geht zu Angriff oder Flucht über. Das Junge sieht ihr Verhalten und wird, sobald es alt genug ist, mit angreifen oder mit ihr flüchten. Wenn aber eine menschliche Mutter sich fürchtet, so wird sie vor allem ihre Furcht verbergen, manchmal nur vor dem Kind, manchmal sogar vor sich selbst. Die Mutter möchte verhüten, daß das Kind sich fürchtet. Das menschliche junge bekommt nur selten Gelegenheit, bei seinen Eltern einen unentstellten Affekt zu beobachten. Die bewußten Bemühungen der Eltern richten sich immer darauf, Affekte vor dem Kind zu verbergen. Wir haben allerdings auch schon erfahren, daß der Erfolg dieser Bemühungen ein zweifelhafter ist.
Verfolgen wir von diesem Gesichtspunkt aus noch einmal die ersten Beziehungen des Kindes zu seiner Mutter. Das Kind braucht Pflege und Ernährung und ist darin vollkommen von der Mutter -abhängig. In dem engen Kontakt, der sich dadurch ergibt, spielt die Mutter die Rolle der ersten Reizspenderin; sie erweckt im Kind die ersten Lust- und Unlustsensationen und weckt seine ersten Affekte. Es ist unvermeidlich, daß ihr Wesen von Anfang an richtunggebend für die Sensationen des Kindes wird, gleichgültig ob sie ihren eigenen Neigungen oder der Verdrängung gerade dieser Neigungen folgt. Eine Mutter, zum Beispiel, die besonders gerne küßt, wird das Kind mit Küssen überschütten und das Kind seinerseits wird diese Küsse als lustvoll empfinden. Einer anderen Mutter wird es Freude machen, die kleinen Fäuste oder die Füße des Kindes spielerisch mit den Lippen zu fassen; auch dieses Verhalten wird die Lustsuche des Kindes in eine bestimmte Richtung drängen. Einer anderen Mutter wieder scheint es notwendig, dem Kind häufig Klystiere zu geben. Auch daraus kann das Kind Lust beziehen. Das orale oder anale Interesse der Mutter bleibt also nicht ohne Einfluß auf das Kind, wie man in der Psychoanalyse schon seit langem erkannt hat. Wie beeinflußt die Mutter das Kind aber durch ihre Zurückhaltung von allen diesen Handlungen, wenn sie sich das Küssen des Säuglings aus inneren Gründen versagt, sich schämt, mit ihren Lippen an seinen Fäusten oder Füßen zu spielen, oder schon gelernt hat, daß Klystiere für das Kleinkind nicht immer harmlos bleiben?
Es scheint, daß,die Mutter ihre Zurückhaltung dem Kind gegenüber nicht ohne Kompensationen zustande bringen wird. Wenn sie sich das Küssen des Kindes selbst nicht gönnt, wird sie auch andere Erwachsene davon abzuhalten wissen oder Ekel und Widerwillen zeigen, wo es gegen ihren Willen doch geschieht. Sie wird wahrscheinlich auch dem Vater des Kindes gegenüber im Küssen gehemmt werden. Wir dürfen annehmen, daß das Kind diese Vorgänge merkt und das Küssen dadurch eine bestimmte negative Bedeutung für sein Leben erwirbt. Nicht anders. wird es mit dem nicht ausgeführten Spiel der Mutter mit den Händen und Füßen des Kindes gehen. Die Mutter wird doch fortfahren, irgendwie sich mit ihnen zu beschäftigen, sie vielleicht in die Nähe des Mundes halten, so tun, als ob sie sie abbeißen wollte. jedenfalls wird das Kind auf irgendeine Weise spüren, daß seine Hände und Füße wichtige orale Objekte für die Mutter sind. Die Mutter, die ihrer Neigung, dem Kind Klystiere zu geben, nicht nachgibt, wird doch ihre Sorge um seine regelmäßige Verdauung nicht verbergen können. Sie wird übermäßig ängstlich werden, wenn der Stuhlgang sich nicht pünktlich einstellt, sie wird seine Diät besonders beobachten. Wieder wird dem Kind kaum entgehen können, daß seine Exkremente für die Mutter besondere Wichtigkeit haben.
Von diesen Ermäßigungen ihrer Handlungen abgesehen aber, ist es nur zu wahrscheinlich, daß die Mutter gelegentlich auch die Einschränkungen durchbrechen wird, die sie sich bewußt oder unbewußt dem Kind gegenüber selbst auferlegt hat. Solche Durchbrüche werden dann so affektbesetzt sein, daß die seltene Handlung dadurch für das Kind nur um so größere Bedeutung erhält.
Ich füge im folgenden eine Reihe anderer Beispiele aus meiner Beobachtung an.
Eine Mutter leidet an übertriebener Angst vor Ansteckungen. Auf Grund dieser Einstellung versucht sie, auf jede Weise das Kind vor der Berührung mit' gefährlichen Bazillen zu behüten. Sie legt den Waschungen des Kindes besondere Bedeutung bei, sie hält es von bestimmten Gegenständen und von bestimmten Menschen fern. Das Kind bezieht aus diesen Vorgingen, besonders aus der Berührung bei den vielen Waschungen, zuerst nur Lust. Später tritt die Unlust, die mit den vielen Verboten und Beschränkungen einhergeht, in den Vordergrund. Zu allen Zeiten aber drängen die Schutzmaßnahmen, die das Leben des Kindes umgeben, seine Aufmerksamkeit in eine bestimmte Richtung. Die Angst der Mutter, ihr neurotischer Charakterzug, wird bestimmend für die kindliche Entwicklung.
Eine besonders eifersüchtige und herrschsüchtige Mutter ist gewohnt, sich überall im Leben in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu schieben. Sie überhäuft das Kind mit Zärtlichkeiten und genießt seine Gebundenheit. Sobald das Kind aber seine Aufmerksamkeit einem anderen Erwachsenen zuwendet, empfindet sie es als unerträglich, wird reizbar und böse in ihrem Verhalten ihm gegenüber und hat nur den einen Wunsch, das Kind wieder von seinem neuen Liebesobjekt zu trennen. Diese Eifersucht der Mutter kann dem Kind nicht verborgen bleiben. Es fühlt sich durch die Wichtigkeit geschmeichelt, die die Mutter seiner Person beilegt, und genießt die Aufmerksamkeit, die sie ihm zuwendet. Gleichzeitig muß es die Einschränkungen seiner Freiheit in der Wahl von Objekten als unlustvoll empfinden. Auch dieser Charakterzug der Mutter wird eine wichtige Rolle im Leben des Kindes spielen.
Eine Mutter hat Anfälle von Verstimmungen, in denen sie ihr libidinöses Interesse vom Kind zurückzieht und ganz auf die eigenen Konflikte konzentriert. Das Kind fühlt sich in diesen Perioden unglücklich, die Mutter erscheint ihm zu diesen Zeiten wie fremd und unerreichbar. Mit dem Vorübergehen des Verstimmungsanfalles wendet sich auch die Liebe der Mutter dem Kind immer wieder zu. Es ist nur selbstverständlich, daß das Kind in irgendeiner Form die Nachwirkung dieses periodischen Aussetzens der Beziehung zur Mutter zeigen wird.
Man würde erwarten, daß diese Angst-, Eifersuchts- und Verstimmungszustände der Mutter vor allem die Ablehnung des Kindes -hervorrufen müssen. Merkwürdigerweise ist das nicht der Fall. Eine Mutter, die an Angstzuständen leidet, berichtet, daß ihr kleiner Junge gerade an solchen Tagen immer mit besonders gefährlichen Geräten spielt oder laut klagend mit den harmlosesten Verletzungen zu ihr gelaufen kommt, als ob es gefährliche Wunden wären. Das Kind spricht zu diesen Zeiten fast unaufhörlich von Krankheiten, Verwundungen und Unfällen. Wir dürfen natürlich annehmen, daß die Mutter in ihrem Angstzustand Kleinigkeiten übertreibt und auf harmlose Bemerkungen übermäßigen Wert legt. Die Tatsache bleibt aber bestehen, daß das Kind sich ihrer übermäßigen Sorge nicht entzieht, sondern ganz im Gegenteil ihr noch Anlaß zur Steigerung ihrer Angstlichkeit liefert.
Eine andere Mutter, die sich ihrer Eifersucht bewußt ist, berichtet, daß ihr Kind in auffälliger Weise vor ihr Gunstbezeigungen an andere Personen verteilt. Es küßt und umarmt immer wieder in provozierender Weise vor ihr sein Kindermädchen oder ihre Freundin, als ob es seine Liebe für diese Objekte zur Schau stellen wollte. Es will die eifersüchtige Mutter offenbar noch eifersüchtiger machen.
Die Mutter mit den periodischen Verstimmungen berichtet, daß ihr kleines Kind nie so schlimm, reizbar und provokant ist wie zu diesen Zeiten. Diese Veränderung fällt nicht nur ihr, sondern allen Hausbewohnern auf. Die Mutter fühlt, als ob das Kind alles dazu tun wollte, ihre Verstimmung noch zu steigern. Diese Reaktion des Kindes ist so regelmäßig, daß die Mutter gelernt hat, sie als das erste Anzeichen der ihr oft noch gar nicht bewußten Wiederkehr der Verstimmung zu werten.
Wir schließen aus diesen Beispielen, daß die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes durch den Charakter der Mutter beeinflußt werden muß. Die größte Rolle bei dieser Beeinflussung fällt offenbar jenen Zügen der Mutter zu, die am stärksten mit Affekt besetzt, d. h. die am meisten libidinös betont oder am energischesten verdrängt worden sind. Das Unbewußte der Mutter spielt keine geringere Rolle für das Leben des Kindes als der bewußte Anteil ihrer Persönlichkeit.
Das Kind ist in seiner Entwicklung den Anregungen der Mutter gefolgt. In den Handlungen der Kinderpflege hat sie ihm, von ihren eigenen Vorlieben und Abneigungen geleitet, bestimmte lustvolle Empfindungen verschafft. Sie hat es entweder mit dem verführt, was ihr selbst am meisten Lust bereitet, oder sie hat sich von der Verführung zurückgehalten und bei dieser Verdrängungsleistung die Aufmerksamkeit des Kindes gerade auf den einen Punkt gelenkt, den sie vor dem Kind verborgen halten wollte. Das Kind, das auf ihre Verführung oder die Vermeidung der Verführung reagiert, macht nun seinerseits alle Anstrengungen, die Mutter durch Verführung zu gewinnen. Es ist nur natürlich, daß es sich dabei wieder der am meisten lustbetonten Methoden bedient, d. h. gerade der Methoden, die der Affekt der Mutter es gelehrt hat. Das Kind reagiert auf den Impuls, der im Augenblick in der Mutter die Oberhand hat. Durch diese Wechselwirkung entsteht zwischen Mutter und Kind ein intimes Einverständnis und der Anschein einer großen Ähnlichkeit. Die Charakterbildung der Mutter, ihre Neurose, ihre Zwänge, Ängste, Symptome, was immer bei ihr affektbetont oder verdrängt ist, ist mit der zündenden Gewalt eines elektrischen Stromes von der Mutter auf das Kind übergeisprungen.
Die Beobachtungsgabe des Kindes hat es in den Stand gesetzt, das Wesen der Mutter bis in seine Tiefen zu erforschen. Die bewußten und unbewußten Reaktionen der Mutter zeigen dem Kind in positiver und negativer Form die zentralen Probleme ihres Lebens an. Die direkte Beobachtung gibt dem Kind Aufschluß über die bewußte Persönlichkeit der Mutter,' die Beobachtung ihrer Abwehr- und Vermeidungsaktionen führt es indirekt auf dem Weg über Schlußfolgerungen zur Rekonstruktion des unbewußten Anteils ihrer Persönlichkeit. Wir würden also nicht mehr wie früher sagen: das Unbewußte des Kindes hat sich mit dem Unbewußten der Mutter in Verbindung gesetzt. Wir müßten sagen: das Kind hat eine feine Beobachtung für die verräterischen Handlungen, durch die die Mutter ihr Unbewußtes preisgibt. Es zieht Schlüsse aus seinen Entdeckungen und handelt auf Grund dieser Schlüsse.
Aber die Forschungs- und Beobachtungstätigkeit des Kindes, mit der es in einer kurzen Zeitspanne so überraschende Resultate erreichen kann, hat doch ihre zeitlichen Grenzen. Das Kind ist gezwungen, seine Beobachtungsgabe der Anpassung an die erwachsene Welt zuliebe aufzugeben.
Ich habe schon erwähnt, daß die beobachteten Tatsachen selbst der Verdringung verfallen, wenn sie zu gefährlich werden. je ernsthafter die Konflikte der Außenwelt sind, die das Kind zu sehen bekommt, desto energischer muß das Kind vor sich selbst verleugnen, was es gesehen hat. Wir hören, das Kind gelangt auf seinen eigenen Wegen dazu, die unbewußten Wünsche der Mutter zu erraten. Aber je besser das Kind sie errät, desto stärker wird es Widerstand und Ablehnung der Mutter gegen sein Wissen zu fühlen bckommen. Außerdem ist es enttäuschend, zu entdecken, daß diese unbewußten Wünsche der -Mutter gar nicht auf es, sondern auf andere Objekte gerichtet sind.
Das Kind muß sich daran gewöhnen, von jetzt an auf Ablehnung zu stoßen, wann immer es Stücke aus dem gesammelten Schatz seiner Beobachtungen mitzuteilen versucht. Der Erfolg davon ist, daß es zuerst die Mitteilungen, in weiterer Folge auch die Beobachtung selbst als störend für die Anpassung an die Außenwelt einstellt. Schließlich verliert es die Fähigkeit durch geringen Gebrauch und Verdrängung; die Erkenntnisse, die mit so viel Freude gesammelt wurden, verschwinden. In der Latenzperiode finden wir nur mehr das Gegenteil der früheren Verhältnisse; das Kind zeigt sich merkwürdig stumpf, wo immer die Umwelt Aufmerksamkeit und Beobachtung verlangt. Die Erwachsenen klagen über diesen Mangel. Sie versuchen es sogar mit Gegenmaßnahmen. So werden zum Beispiel in den modernen Schulen die übungen zur Schärfung der Beobachtungsgabe zum eigenen Unterrichtsgegenstand.
In den seltenen Fällen, in denen Mutter und Kind gleichzeitig analysiert werden, können wir der überraschenden Einfühlung des Kindes in die Mutter im einzelnen nachspüren. Wir können sehen, wie sein scheinbar intuitives Verständnis für das Unbewußte der Mutter auf frühestc Beobachtungen und Überlegungen zurückgeht, die seitdem der Verdrängung verfallen waren und erst durch die analytische Arbeit wieder ins Bewußtsein gehoben werden.
Berta Bornstcin hat mir ein solches Beispiel aus der Analyse eines größeren Mädchens zur Verfügung gestellt, das sich, gleichzeitig mit seiner Mutter, bei ihr in Analyse befindet. Ich berichte im folgenden mit ihren eigenen Worten:
„Die zwölfjäihrige Patientin hat eine intensive Haßbindung an die Mutter entwickelt, in der aggressive Forderungen vorherrschen. Sie gebraucht der Mutter gegenüber mit Vorliebe deren eigene Redewendungen, erläßt der Mutter gegenüber Gebote und Verbote in einer Form, wie es die Mutter dem kleinen Kind gegenüber getan haben würde. Die Forderungen der Mutter werden von dem Kind keineswegs erfüllt. Die Beziehung zur Mutter schien vorwiegend in einer Identifizierung mit deren Gesten zu bestehen.
Eine Hauptphantasie der kleinen Patientin blieb längere Zeit unverständlich, bis die Analyse der Mutter ein Licht auf sie warf.
Die Kleine phantasierte und benützte folgende Phantasie zu pseudologischen Zwecken: Sie sei ein in England geborenes Kind, sehr vornehm, sehr streng erzogen, ohne Mutter aufgewachsen.
Die Phantasie war in verschiedenen Details klar, wie zum Beispiel vornehme und strenge Erziehung, Mutterlosigkeit. Woher stammte aber das Detail der Herkunft aus England? Warum hielt das Kind an diesem Detail in ihren pseudologischen Erzählungen fest? Das Kind wußte dazu überhaupt nichts anzugeben.
Aus der Geschichte der Mutter muß an dieser Stelle folgendes mitgeteilt werden: Die Mutter hatte zum Ausgang ihres Ödipuskomplexes eine stark masochistisch gefärbte Bindung an eine englische Erzieherin entwickelt. Gegen diese masochistische Bindung hatte die Mutter schon als Kind und eigentlich bis zur Analyse einen heftigen Kampf geführt. Beides, sowohl die Bindung an die englische Erzieherin als auch der Kampf dagegen, waren weitgehend der Verdrängung anheimgefallen.
Die Mutter versicherte in glaubwürdiger Weise, daß sie niemals mit ihren Kindern über diese Engländerin, die ihr die Kindheit vergällt hatte, gesprochen habe, ja die Kinder wußten auch bestimmt nichts davon, daß es so eine Engländerin, die Miß X., in ihrem Elternhause gegeben haben konnte.
Wir legten uns die Frage vor: Wie ist es im Falle unserer kleinen Patientin dazugekommen, sich mit dem Unbewußten' der Mutter zu identifizieren? So suchten wir in der Analyse der Mutter nach Anzeichen, durch welche sie ihre sie quälenden, dem Bewußtsein entzogenen Vorstellungen in einer Weise zum Ausdruck brachte, die ihr selbst verborgen blieb, aber vom Kind mit wachen Augen aufgenommen, wenn auch nicht bewußt verarbeitet wurden. Diese Anzeichen ließen sich dann auch als höchst grobe erkennen. Die Mutter, die ihre Kinder fast spartanisch erzog, wünschte und betonte deren Selbständigkeit und Freiheit in vielen Situationen. Dies war ein Weg für sie, sich von der englischen Erzieherin der Kindheit zu lösen. Da sie dabei gleichzeitig ein Schuldgefühl dieser Mutterersatzfigur gegenüber empfand, ist verständlich, daß sie die Ablehnung englischer Erziehungsmethoden besonders betonte und vor sich ihre Abkehr rechtfertigen mußte. Etwa, indem sie ihren Kindern sagte, bevor sie sie in den Park schickte: „Geht nur allein, vergnügt euch wie ihr wollt, ich will keine Missenkinder haben.“ Was die Tochter aus dieser Rede der Mutter herausfühlt, ist deren Unsicherheit. Das Kind weiß zu gut aus Erfahrung, daß man nur dort Verteidigungsreden hält, wo man sich schuldig fühlt. Die Mutter tut also etwas, was sie eigentlich nicht möchte, wenn sie die Kinder ohne Miß in den Park schickt. Die schwache Stelle der Mutter wird zum Angriffspunkte für das kritische, an der Mutter enttäuschte Kind. Sie könnte die Mutter jetzt gut treffen, indem sie ihr vorwerfen würde: „Schäme dich, daß du uns keine englische Erzieherin hältst, die uns vor den Gefahren der Straße bewahrt.“ Noch tiefer ist die Anklage und der Vorwurf gegen die Mutter, wenn sie diese Mutter, die sie enttäuscht und vernachlässigt, beseitigt, indem sie den Wunsch der Mutter zu ihrem eigenen macht, sich identifiziert. (Im übrigen heißt es in der pseudologischen Geschichte: Mutterloses, englisches Kind.) Auch die Mutter löste durch die Bindung an die Erzieherin die Bindung an die Mutter. Alle Identifizierungen der kleinen Patientin hatten etwas Karikaturhaftes an sich und verrieten so den Boden der Feindseligkeit, auf dem sie entstanden waren. Sie übertrieb die Haltung jener Personen, mit denen sie sich identifizierte. Die Mutter also wollte eine Miß haben. Sie muß dies demnach auch. Aber sie tut wie immer noch ein übriges dazu. Sie ist nicht nur ein Missenkind wie die Mutter, sondern sie ist selber eine englische Lady, eine Miß. (Tatsächlich nahm sie der Mutter gegenüber von Zeit zu Zeit auch den Ton einer englischen Erzieherin an.)
Ein anderes Beispiel entstammt der Analyse einer kleinen achtjährigen Patientin, die -ich behandle. Das kleine Mädchen wird in ihren Analysestunden gelegentlich außerordentlich aggressiv, d. h. sie verwandelt sich plötzlich aus einem friedlichen freundlichen Kind in einen kleinen Unband, will zerstören, was sich im Zimmer findet, bedroht mich mit allem, was sie erreichen kann, will Vasen und Teller auf mich werfen und beginnt, die Messer und Scheren, mit denen sie arbeitet, als Waffen zu verwenden.
Die Mutter ist sehr besorgt um das Kind und wiederholt immer wieder, wie sehr sie fürchtet, daß das Kind eine Sadistin werden könnte. Bei einer der Besprechungen über das Kind beginnt die Mutter eines Tages von ihrer eigenen Vergangenheit zu berichten. Sie hatte eine besonders unglückliche Kindheit hinter sich. Sie habe zu Hause schreckliche Szenen mitgemacht. Aber das sei noch nicht das Ärgste, das sie zu berichten habe. Sie sei ihre ganze Kindheit von Zwangsimpulsen, andere Menschen zu verletzen, geplagt worden. Sie habe immer allein gegen diese Impulse gekämpft, ohne sich jemals irgend Jemand gegenüber auszusprechen. Sie konnte kein Messer und keine Schere in die Hand nehmen, ohne den Wunsch zu fühlen, einen bösen Gebrauch davon zu machen. Aber trotzdem habe sie nie jemandem etwas zuleide getan und mit Hilfe von Selbstbeherrschung alles überwunden. Nach der Pubertät hätten die Zwangsimpulse dann aufgehört.
Die Erzählung der Mutter wirft ein überraschendes Licht auf das schwer durchschaubare Benehmen des Kindes. Man erhält den Eindruck, daß das Kind die aggressiven Impulse der Mutter gespürt hat und sie zur Ausführung bringt.
Die Mutter setzt ihren Bericht ein anderes Mal noch weiter fort. Sie erzählt, das Kind hätte zu Hause eine Geschichte gelesen und sei dabei sehr aufgeregt worden. Sie sei ins Zimmer zu ihr gelaufen gekommen und hätte gesagt: „Jetzt weiß ich, wie man Leute umbringen kann.“ Die gelesene Geschichte schildert die Herstellung eines bestimmten tödlichen Giftes. Die Mutter sei erschrocken und böse geworden. Solche Gedanken solle man überhaupt nicht denken. Und Rezepte zum Umbringen von Menschen seien überhaupt ganz überflüssig. Es gäbe gar nichts leichteres, als jemanden umzubringen, dazu sei jeder einfachste Gegenstand, den man zur Hand habe, gut genug. Nur sollte man sich nie erlauben, solche Wünsche und Gedanken zu denken.
Dieses Beispiel zeigt uns eine Mutter, die ihr Leben hindurch gegen ihre eigenen schwer aggressiven Impulse anzukämpfen hatte. Es gelingt ihr, dieser Regungen Herr zu werden, aber sie lebt -in ständiger Angst, daß die Zwangsimpulse wiederkehren und ihr Leben von neuem verstören könnten. Unter dem Druck dieser Angst muß die Mutter das Kind von Anfang an auf die Anzeichen aggressiver Regungen hin beobachtet haben. Sie wird unruhig und verzweifelt, wenn sie beim Kind Ähnliches zu -bemerken glaubt. Sie möchte nicht, daß das Kind dem gleichen Schicksal verfällt wie sie selbst. Es ist außer Zweifel, daß das kleine Mädchen die Angst der Mutter vor dem Auftauchen aggressiver Regungen bei ihr kennt. Sie wird ständig aggressiver, so als ob sie die darauf erfolgenden Reaktionen der Mutter bewußt hervorlocken wollte. Die Äußerung des Kindes schließlich, „jetzt weiß ich, wie man Leute umbringen kann“, zeigt, daß ihr die Befürchtungen der Mutter nicht verborgen geblieben sind. Die Antwort der Mutter anderseits trägt die Prägung ihrer eigenen Konfliktsituation: es ist leicht, Leute umzubringen, jedes Gerät ist gut genug dazu. Diese eine Bemerkung müßte genügen, um dem Kind den in der Mutter vor sich gehenden Kampf von Gefühlen zu verraten. Wir dürfen annehmen, daß das Kind im Laufe seiner Entwicklung auf solche und ähnliche Arten dem einen Affekt, der das Leben der Mutter beherrscht, Schritt für Schritt immer näher an den Leib gerückt ist.
Ich möchte diese Arbeit aber nicht beenden, ohne zu betonen, daß ich nicht glaube, mit dem Beschriebenen alle Beziehungen zwischen Mutter und Kind erschöpft zu haben. Es gibt immer noch Elemente, die sich. unserem Verständnis entziehen, Situationen, in denen auch die genaue Nachforschung kein Bindeglied zwischen dem Vorgang in der Mutter und den entsprechenden Vorgingen im Kind sichtbar werden läßt. Wenn ein Affekt- oder Denkvorgang der Mutter im gleichen Augenblick auch im Kind auftaucht, so bleibt uns nichts anderes übrig, als das als Gedankenübertragung zu bezeichnen. Wir haben gesehen, wie viele Eindrücke aus dem Innenleben der Mutter der fein abgestimmte Sinnesapparat des Kindes aufzunehmen bereit ist. Vielleicht ist dieser Sinnesapparat noch weit empfindlicher als wir auch heute wissen. Jedenfalls bleibt die Tatsache, daß im Unbewußten von Mutter und Kind die gleichen Probleme oft im gleichen Augenblick eine Rolle spielen. Solche Beispiele sind bekannt; mir stehen nur meine persönlichen Erfahrungen zur Verfügung, Meine Kinder waren gleichzeitig mit mir in Analyse. Es ist mir mehr als einmal aufgefallen, daß dasselbe Thema, das zur Zeit in meiner Analyse im Vordergrund stand, auch in der Analyse eines der Kinder die größte Rolle spielte; allerdings mit einem bedeutsamen Unterschied. Was sich offenbar von mir auf das Kind übertragen hatte, wirkte dort als Fremdkörper, der nicht mit dem allgemeinen analytischen Verlauf in Einklang zu bringen war. Solche Übereinstimmungen ließen sich manchmal auf Tag und Stunde verfolgen, bei den Knaben allerdings merklicher als bei den Mädchen. Ich möchte mich in eine Diskussion dieser Dinge nicht weiter einlassen. Ich weiß nicht, worauf man dieses Phänomen zurückführen könnte. Aber es ist vielleicht die nächste Fortsetzung des Problems, mit dem wir uns heute beschiftigt haben.
Fassen wir zum Schluß das Gesagte noch einmal zusammen. Das Kind hat also eine größere Beobachtungsgabe als man bisher erkannt hat; es beobachtet sowohl die direkte Äußerung von Gefühlen wie auch die Bemühungen, lebenswichtige Regungen zu verleugnen. Verdrängte Impulse, die in der Charakterbildung der Mutter eine besondere Rolle spielen, dringen sich seiner Aufmerksamkeit besonders auf. Das Kind spürt die Verführungskraft dieser Regungen und verwendet sie auch seinerseits wieder zur Verführung der Mutter. Das Kind verliert diese Fähigkeit bei seiner Entwicklung zur Anpassung an die Forderungen der erwachsenen Umwelt. Mit anderen Worten: das vorher unverständliche, fast unheimliche Wechselspiel der Gedanken und Affekte zwischen Mutter und Kind kann auf diese Weise zum größten Teil auf die scharfe Beobachtung des Kindes zurückgeführt werden.
Mit der Annahme dieser Vermutungen entziehen wir den zwei anderen möglichen Erklärungsversuchen für diese Phänomene ein Stück Boden. Das eine ist die vorhin geschilderte direkte Gcdankenübcrtragung, das andere ist die Erklärung durch die Erblichkeit.
Die Theorie der Gedankenübertragung mutet dem Unbewußten des Kindes die intuitive Kraft zu, sich mit dem Unbewußten der Mutter in Verbindung zu setzen.
Die Vererbungslehre weist darauf hin, daß das Kind der Mutter von vorn herein gleicht. Bestimmte Charakterzüge vererben sich eben in direkter Linie von der Mutter auf das Kind. Den Eltern selber liegen diese Möglichkeiten sehr nahe. Ihre Angst vor der Erblichkeit taucht in den Besprechungen über die Kinder immer wieder auf, sie suchen im Kind nach den gefürchteten Charakterzügen oder verfolgen auftauchende Regungen des Kindes mit lebhaften Schuldgefühlen.
Diesen beiden unbeeinflußbaren und fremden Mächten, der Telepathie und der Vererbung, gegenüber befinden wir uns mit unserer Theorie von der Einfühlung des Kindes in die Mutter auf Grund von frühesten Beobachtungen auf vertrauterem Boden.

[1] Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik, Bd. VI, 1932.
[2] Ähnliche Erwägungen wurden zur Erklärung des Telepathieproblems von mehreren Diskussionsrednern in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung anläßlich einer Wechselrede über ein Referat von Grete Bibring-Lehner (Traum und Okkultismus, nach den „Neuen Vorlesungen“ Freuds) am 3. Mai 1933 entwickelt. Vgl. auch P. Schilder, Zur Psychopathologie alltäglicher telepathischer Erscheinungen, Bemerkungen zu dem Aufsatz von J. H o 116 s, Imago XX (1934), S. 219 ff.

 

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