(Vorgetragen in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung am
19. Mai 1935 ; aus dem Englischen übersetzt von Anna
Freud. Imago, XX Band, 1934, Internationaler
Psychoanalytischer Verlag, Leipzig – Wien – Zürich
– London, pp. 429-444.)
In meinem Aufsatz „Kinderanalyse und Mutter“ habe
ich die Stärke des mütterlichen Einflusses auf das Kind darzustellen
versucht
[1]. Ich konnte damals an dem
Bruchstück einer Kinderanalyse zeigen, wie das Bild der Probleme des Kindes
ständig durch die Einwirkung der bewußten und unbewußten
Gefühlsreaktionen der Mutter verzerrt und getrübt wird. Diese
gegenseitige Beeinflussung der Affekte zwischen Mutter und Kind hat seitdem
nicht aufgehört, mich als Problem zu beschäftigen. Ich möchte das
gleiche Thema auch heute mit einigen weiteren Beobachtungen und
Überlegungen fortsetzen. Dabei betone ich ausdrücklich, daß mein
Thema nicht mit dem der Entwicklung der Beobachtungsgabe beim Kleinkind
identisch ist. Diese letztere Frage ist das viel weitere Problem, das in einer
großen Anzahl experimenteller schulpsychologischer Arbeiten Bearbeitung
gefunden hat. Während diese Arbeiten die Beobachtung der intellektuellen
Entwicklung in den Vordergrund stellen und die Affektentwicklung in zweiter
Linie betrachten, beziehe ich mich hier ausschließlich auf
Affektbeobachtung und Affektentwicklung und führe das Intellektuelle nur
beispielsweise mit an.
Das kleine Kind ist vor allem ein Empfänger von
Reizen. Von einem gewissen Alter an beginnt es, diese empfangenen Reize auch zu
verarbeiten; wir sagen: es beobachtet. Diese Beobachtungstätigkeit
beschränkt sich natürlich nicht nur auf das Sehen, sondern bedient
sich gleichmäßig aller Sinnesorgane. Manche dieser Beobachtungen
werden den Eltern auffällig, die dann in irgendeiner Weise, ermutigend oder
abmahnend, auf diese Tätigkeit des Kindes reagieren. Aber der
Großteil der kindlichen Beobachtung bleibt Privatangelegenheit des
Kindes.
Wir können annehmen, daß das kleine Kind seine
Aufmerksamkeit sehr frühzeitig auf das wechselnde Mienenspiel der Mutter
richtet und je nach dem Gesehenen Lust oder Unlust aus seinen Beobachtungen
bezieht. Es beobachtet unbemerkt, macht seine eigenen Erfahrungen, zieht seine
eigenen Schlüsse aus ihnen und stapelt sie zur weiteren Verwertung auf. Es
erwirbt auf diese Art, ohne es zu wissen, selbst die wertvollsten Erkenntnisse.
Ein bestimmter Ausdruck, den es auf dem Gesicht der Mutter sieht, bedeutet zum
Beispiel bevorstehendes Vergnügen. Ein anderer Ausdruck bedeutet Eile; die
Mutter wird das, was sie für das Kind zu tun hat, so schnell wie
möglich beenden und es verlassen. Ein anderer Ausdruck wieder bedeutet,
daß die Mutter mit etwas anderem beschäftigt ist; das Kind
weiß, daß sein verlockendstes Lächeln unbeachtet bleiben wird.
Aus solchen und ähnlichen Erfahrungen baut das Kind eine Innenwelt auf, in
der es Alleinherrscher ist und die es fortwährend durch das Hinzufügen
neuer Erfahrungen an neuen Ausdrücken und Eigenheiten der Mutter
vervollständigt. Diese Innenwelt setzt sich aus dem Niederschlag von
Erfahrungstatsachen zusammen. Sie wird um so komplizierter, je mehr die
Beobachtungsgabe des Kindes auch für kompliziertere Ausdrucksbewegungen und
Affektanzeichen auszureichen beginnt. Diese Beobachtungsfähigkeit des
Kindes, die schon im Säuglingsalter vorhanden ist, wächst mit dein
Kind, kann zu bestimmten Zeiten außerordentlich stark werden und
läuft im allgemeinen neben der Entwicklung jener Fähigkeiten her,
welche die Eltern durch Erziehung fördern und durch Lob und Tadel im Zaum
zu halten versuchen. Aber diese eine Fähigkeit des Kindes kann die von der
Erziehung geförderte sonstige Entwicklung gelegentlich weit
überflügeln. Den Eltern bleibt nichts anderes Übrig, als sie mit
Erstaunen zur Kenntnis zu nehmen. Diese Geheimkenntnisse ihres Kindes erscheinen
ihnen als etwas Außerordentliches, Unverständliches, ja
Übernatürliches. Wir wissen alle, wie rätselhaft den Eltern die
sogenannte „Intuition“ des kleinen Kindes erscheint. Eine Mutter,
die Anlaß zur Traurigkeit hat, wird überrascht davon, daß das
kleine Kind plötzlich neben ihr steht, sie anfaßt und fragt:
"traurig?" Das Kind hat die Stimmung der Mutter ohne weiteres erraten. Oder das
Kind steckt der Mutter eines seiner Spielzeuge in die Hand, eine Handlung, die
die Mutter leicht als Tröstungsversuch errät. in anderen Fällen
wieder sind die Eltern oder die Kinderpflegerin von dein Gedankenlesen des
Kindes durchaus nicht angenehm berührt. Die Kindcrschwester ist in Eile;
sie hat Ausgang. Aber das Kind ist besonders schwierig, es hat irgendwie
gespürt, daß es verlassen werden soll. Ein anderes Mal ist die Mutter
verstimmt und das Kind wird plötzlich ganz ohne Grund weinerlich, ist nicht
zum Essen und zum Einschlafen zu bringen; es muß die Verstimmung der
Mutter beobachtet haben und davon angesteckt worden sein. Diese Intuition des
Kindes erinnert am meisten an den Spürsinn der Tiere. Das Kind beobachtet
und versteht, aber es teilt seine Beobachtungen nicht mit, sondern verwertet sie
im eigenen Wirkungskreis.
Das Kind schätzt diesen Selbstunterricht
offenbar viel höher ein als die Belehrungen, die die erwachsene Welt ihm
zukommen läßt. Das auf diese Art Erlernte hatden Vorteil, auf eigenen
Beobachtungen aufgebaut zu sein. Die Erkenntnisse, um die es sich handelt, sind
nichts Starres, sie werden je nach den neu dazukommenden Erfahrungen fallen
gelassen, verändert und erweitert. Die Welt andererseits, in die die
Erwachsenen das Kind durch Worte und Erklärungen einzuführen
versuchen, hat mit Tatsachen wenig zu tun. Hier handelt es sich fast immer um
Annahmen, um Vorurteile, oft sogar um Lügen. Das kleine Kind lernt auf die"
Weise gleichzeitig in zwei Welten zu leben: in seiner eigenen selbst aufgebauten
Tatsachenwelt, die es mit niemandem teilt, und in der Wortvorstellungen
überflüssig sind; und in der anderen Welt, in der Beobachtungen nur
eine untergeordnete Rolle spielen und die Erfahrungen durch die Erziehung
vermittelt werden. Die Sachvorstellungen dieser Welt werden durch
Wortvorstellungen ergänzt.
Versuchen wir, uns den Tatsachenaufbau
dieser zweiten Welt vor Augen zu führen. Das kleine Kind lernt auch hier,
daß das Feuer brennt und daß Hineinfallen weh tut. Aber wie belehrt
die Mutter das Kind: Sie zeigt mit dem Finger auf einen brennenden Ofen und sagt
dazu das Wort heiß. Aber am nächsten Tag zeigt sie wieder auf den
diesmal nicht brennenden Ofen und sagt dazu das gleiche Wort heiß. Der
Ofen. ist zwar diesmal kalt, aber die Mutter möchte das Kind ein für
allemal vor dem Ofen warnen, der ja schon in einer nächsten Stunde wieder
angezündet werden kann. Das Kind läßt sich natürlich nicht
täuschen. Seine Beobachtungsgabe ist viel zu geschärft, als daß
es nicht einen heißen von einem kalten Ofen unterscheiden könnte.
Aber der Eindruck dieser Belehrung ist doch ein verwirrender. Was die Mutter
sagt, scheint hier und in anderen Fällen nicht zu stimmen. Diesen und
anderen falschen Tatsachen begegnet das Kind dann immer wieder in verschiedenen
Variationen. So kommt zum Beispiel ein Besucher zur Mutter. Das Kind beobachtet
ihn mit Interesse, stellt fest, daß er ein Wimmerl auf der Nase hat und
sagt: „Du hast etwas auf deiner Nase“. Es entsteht eine peinliche
Situation, für die die Mutter dem Kinde böse ist. Das Kind
erfährt daraus, daß es Gelegenheiten gibt, bei denen man über
seine Beobachtungen schweigen muß. Ein andermal läuter es an der
Tür und das Kind hört, wie die Mutter sich verleugnen läßt.
Das Kind fragt sich erstaunt, welchen Grund zum Lügen die Mutter denn haben
kann. Allmählich lernt es dann, die Welt als eine Mischung von Wahrheit und
Lüge einzuschätzen. Seine Kombinationsfähigkeit ist groß
genug, um es zu lehren, daß seine Innenwelt und seine Außenwelt von
sehr verschiedener Art sind. Es vergleicht das Weltbild, das die Eltern ihm
bieten, mit seinem eigenen und es findet die eigene Welt klarer,
verläßlicher und verständlicher. Hier beginnt ein ernsthafter
Konflikt des Kindes. Seine Liebe für die Eltern und sein großes
Bedürfnis, von ihnen geliebt zu werden, zwingen es, sich auch ihrer Welt
anzupassen. Das gelingt ihm auch, allerdings nur unter großen
Einbußen an anderer Stelle. Bisher hatte das Kind die Realität sehr
hoch geschitzt. Es hatte als selbstverständlich angenommen, daß auch
die Eltern seiner Tatsachenwelt zuzurechnen wären. Das Kind hatte sich die
Eltern ebenso verläßlich vorgestellt wie die anderen Stücke
seiner Wirklichkeit. Sie sollten unfehlbar sein, sicher und berechenbar in ihren
Handlungen, so daß man sich in jeder Situation auf sie verlassen
könnte. Die Enttäuschungen dieser Erwartungen des Kindes können
nicht ausbleiben. Das Kind beobachtet die Eltern und stellt fest, daß sie
unverläßlich sind, wandelbar und heuchlerisch und von Motiven
geleitet, die von denen des Kindes sehr verschieden sind, so daß es zu
ihrem Verständnis keinen Zugang finden kann.
Aber ehe das Kind diese
in der Welt übliche Verkehrung der Tatsachen kennengelernt hat, hat es noch
andere, noch verwirrendere Erfahrungen gesammelt. Es hat gelernt, daß man
auch den Affektäußerungen der Eltern nicht immer trauen kann. Das
Affektleben der Menschen in der Außenwelt ist der Innenwelt des Kindes
näher verwandt und darum leichter mitzufühlen und zu verstehen. Die
Mutter lächelt zum Beispiel, aber das Kind spürt, daß dieser
freundliche Gesichtsausdruck etwas anderes verbirgt; sie ist vielleicht zur
gleichen Zeit böse, ängstlich, ärgerlich und lächelt nur
ganz oberflächlich. Wir erinnern uns an den Ausgangspunkt der kindlichen
Beobachtung, an das Studium des Mienenspiels der Mutter und der daraus
resultierenden Lust und Unlust. Das Kind muß jetzt den nächsten
Schritt in der Erkenntnis machen: es kommt vor, daß der Affekt der Mutter
und ihr Ausdruck nicht übereinstimmen. Es kann vorkommen, daß die
Mütter alle Handlungen der Pflege an dem Kind vollzieht wie an allen
anderen Tagen und das Kind doch spürt, daß sie alles, was sie tut,
gegen einen Widerstand ausführt. Oder die Mutter hat Angst, möchte die
Angst aber nicht auf das Kind übertragen und verleugnet sie; trotzdem
fühlt das Kind ihre Angst. Die Mutter ist voll Zärtlich" keit für
das Kind, aber eigentlich ist es doch ein ungewolltes Kind, das ihr eigenes
Leben nur stört; sie tut alles dazu, um es das Kind nicht fühlen zu
lauen. Aber das Kind spürt trotzdem etwas Fremdes in ihrer
Zärtlichkeit. In allen diesen Fällen handelt es sich um Affekte, die
die Mutter dem Kind zuliebe bewußt vortäuschen möchte.
Aber
das Kind hat nicht nur die Affekte verstehen gelernt, die sich seiner eigenen
Person zuwenden, es hat auch Erfahrungen im Beobachten der
Gefühlsbezichungen anderer Menschen untereinander gesammelt. Manchmal ist
es ihm nur zu klar, daß auch diese Gefühlsvorgänge sich um seine
Person drehen. Seine Eltern sind zum Beispiel in Sorge um sein Leben, sie sind
ganz eins in dem ihm zugewendeten Gefühl. Ein anderes Mal sind sie in ihren
Gefühlen entzweit, das Kind versteht, daß es der Streitpunkt ist, um
den ihre Affekte in Konflikt miteinander geraten sind. Das Kind beobachtet und
wird von seinen eigenen miterregten Gefühlen zwischen den streitenden
Parteien hin- und hergerissen. Aber häufig genug ist das Kind nur der
unbeteiligte Dritte. Es merkt, daß die Erwachsenen ihre wirklichen
Gefühle-nicht nur vor ihm verbergen, sondern auch voreinander. Sie sprechen
zueinander und meinen das Gegenteil. Die Mutter tut ihr Möglichstes, um
ihre Liebesgefühle, ihre Ängste, ihre Freuden und ihre Eifersucht
nicht nur vor dem Kind, sondern auch vor den anderen Erwachsenen geheimzuhalten.
Sie spielt auch vor dem Vater Verstecken, spielt zum Beispiel die Kühle und
Gleichgültige, wenn sie gerade das Gegenteil fühlt. Sie betrügt
also nicht nur das Kind, sondern auch den Vater. Andere Male fühlen Vater
und Mutter das gleiche und verbergen es nur vor den anderen; oder der Vater
zeigt sein Gefühl vor anderen und verbirgt es vor der Mutter.
Die
geschärfte Beobachtung des kleinen Kindes befähigt es, auch in dieser
erweiterten Außenwelt noch Tatsachen zu sammeln und
Schlußfolgerungen zu ziehen. Es fühlt Betrug und Täuschung hier
genau so wie in der Beziehung zu seiner eigenen Person, d. h. es spürt sie,
ohne die Hintergründe zu durchschauen. Gerade aber weil das Kind so viel
sieht und so viele Eindrücke sammelt, wichst auch sein Wunsch, zu
verstehen. Es kann zum Verständnis der erwachsenen Welt wieder nur seine
eigene Tatsachenwelt heranziehen. Es durchschaut also die Unehrlichkeiten der
Eltern und der anderen Erwachsenen, es erkennt, daß Handeln und
Fühlen bei ihnen nicht übereinstimmen. Es akzeptiert diese
Unsicherheit als eine neue Tatsache.
Die Lage des Kindes, das sieht und
nicht versteht, wird immer schwieriger. Die Kluft zwischen seiner Tatsachenwelt
und der Welt der Eltern vergrößert sich ständig. Solange das
Kind nicht zu sehr verwirrt wird und die Beziehungen zu den Eltern nicht zu sehr
gestört werden, wird es versuchen, seine Neugier durch das stetige Sammeln
und Aufstapeln von beobachteten Tatsachen weiter zu befriedigen. Aber es wird
bei diesem Verhalten an eine Grenze des Möglichen kommen. Diese Grenze ist
erreicht, wenn das Sexuelle sich in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit schiebt
und die dabei im Kind aufspringenden leidenschaftlichen Wünsche von
Eifersucht, Enttäuschung und Kastrationsangst bedroht werden. Hier kann das
Kind auf dem geraden Weg nicht weiter. Es nimmt Zuflucht zu irgendeiner der
Methoden, die ihm zur Bewältigung unlösbarer Konflikte zur
Verfügung stehen. Seine Fähigkeit zur Beobachtung wird durch Hemmungen
eingeschränkt. Es verdrängt oder entstellt Tatsachen, die es in der
Vergangenheit erfahren hat. Es bedient sich also von nun an der in
Gefahrsituationen üblichen Abwehrmechanismen.
Alles, was ich in der
heutigen Arbeit bisher zu zeigen versucht habe, läßt sich eigentlich
in einen einzigen Satz zusammenfassen- ich behaupte, daß das Kleinkind
größere und weiterreichendere Fähigkeiten der Beobachtung hat,
als man sich bisher vorgestellt hatte. Hatte man bisher oft an eine erstaunliche
telepathische Begabung des Kindes geglaubt, so lassen sich die gleichen
Phänomene jetzt viel einfacher auf die Schärfe seiner Beobachtungsgabe
zurück führen.
[2] Das Kind
merkt auf, zieht Schlüsse aus dem Beobachtet-en und reagiert in der Folge
auf das Gesehene und seine Schlußfolgerungen. An diesem Vorgang bleibt
nichts Unheimliches mehr, wir sind mit diesem Erklärungsversuch dem
Verständnis des Kindes um einen Schritt näher gekommen. Leider ist
unsere Untersuchung damit aber noch nicht zu Ende. Ich fürchte fast,
daß wir bei dem Versuch, ein Problem zu lösen, mit einem neuen und
noch schwierigeren zusammengestoßen sind.
Kehren wir noch einmal zum
ersten Lebensjahr des Kindes zurück, um es init der ersten Lebenszeit
irgendeines Tierjungen zu vergleichen. Wie weit gehen die Ahnlichkeiten zwischen
ihnen? Beide machen eine Lernzeit durch. Sie üben sich darin, ihre
Sinnesorgane zu gebrauchen, sie entwickeln ihre Fähigkeiten, sie verhalten
sich rezeptiv, zeigen Intuition, lernen zu kombinieren und zu folgern. So weit
finden wir vor allem Ähnlichkeiten. Die Unterschiede beginnen, wenn wir in
beiden Fällen den Abstand zwischen- jungem und Muttertier betrachten. Die
Tiermutter hat sich im Laufe ihres Lebens im Gebrauch ihrer Sinneswerkzeuge
immer weiter vervollkommnet. Ihre Empfänglichkeit und ihr Verständnis
für von außen ankommende Reize sind weit größer, als sie
es in den ersten Lebensmonaten gewesen sind. Bei ihr können wir -eine
gerade Entwicklungslinie verfolgen. Die. menschliche Mutter dagegen hat im Laufe
ihres Lebens viel von der Intuition und Beobachtungsgabe verloren, die sie als
Kind besessen hat; wir können nur mehr Restbestände dieser
Fähigkeiten bei ihr finden. Dafür hat sie den ganz anders gerichteten
komplizierten Erziehungsprozeß über sich ergehen lassen, der sie zur
Anpassung an die Sitten und Gesetze der menschlichen Gesellschaft befähigen
soll.
Diese Unterschiede im Endziel der Entwicklung lassen verstehen,
daß die Anpassungsaufgabe, die vor dem Menschenjungen einerseits, dem
Tierjungen anderseits liegt, von sehr verschiedener Art sein
muß.
Während also Tierjunge und das Menschenjunge viel
Ahnlichkeit miteinander haben, lassen sich zwischen der Tiermutter und der
Menschenmutter vor allem Unterschiede finden. Die Anpassungsaufgabe, die vor dem
Tierjungen und vor dem Säugling liegt, ist daher von sehr verschiedener
Art. Das Tierjunge wird von seinen Instinkten geleitet und teilt alle seine
Interessen mit der Mutter. Es lernt sehr schnell verstehen, was in der Mutter
vorgeht. Es erfährt durch die Beobachtung ihres Verhaltens, was ihr Lust
bringt und was ihr Angst macht. Es erfährt dabei auch gleichzeitig, wovor
es sich selbst zu fürchten hat und wo es sich sicher fühlen kann. Die
Verhältnisse für das Tierjunge liegen eigentlich sehr einfach, seine
Weiterbildung geht geradlinig und ungestört vor sich. Es gibt in seinem
Leben vor allem keine Widersprüche. Im Leben des Kleinkindes hingegen gibt
es nichts als Widersprüche- Die Unstimnugkeiten im wechselnden Verhalten
der Mutter., die dem Kind auffällig werden müssen, habe ich bereits
aufgezählt. Die Affekte der Mutter stimmen nicht mit ihren
Ausdrucksbewegungen überein. Die Erziehung fordert von dem Kind Leistungen,
die die Eltern selber nicht vollbringen. Das Kind möchte nachahmen, kann
die Nachahmung aber soundsooft nicht verwenden. So verstrickt das Kind sich
allmählich in Konflikte. Seine Beobachtungen widersprechen einander. Ein
Muttertier, das sich fürchtet, geht zu Angriff oder Flucht über. Das
Junge sieht ihr Verhalten und wird, sobald es alt genug ist, mit angreifen oder
mit ihr flüchten. Wenn aber eine menschliche Mutter sich fürchtet, so
wird sie vor allem ihre Furcht verbergen, manchmal nur vor dem Kind, manchmal
sogar vor sich selbst. Die Mutter möchte verhüten, daß das Kind
sich fürchtet. Das menschliche junge bekommt nur selten Gelegenheit, bei
seinen Eltern einen unentstellten Affekt zu beobachten. Die bewußten
Bemühungen der Eltern richten sich immer darauf, Affekte vor dem Kind zu
verbergen. Wir haben allerdings auch schon erfahren, daß der Erfolg dieser
Bemühungen ein zweifelhafter ist.
Verfolgen wir von diesem
Gesichtspunkt aus noch einmal die ersten Beziehungen des Kindes zu seiner
Mutter. Das Kind braucht Pflege und Ernährung und ist darin vollkommen von
der Mutter -abhängig. In dem engen Kontakt, der sich dadurch ergibt, spielt
die Mutter die Rolle der ersten Reizspenderin; sie erweckt im Kind die ersten
Lust- und Unlustsensationen und weckt seine ersten Affekte. Es ist
unvermeidlich, daß ihr Wesen von Anfang an richtunggebend für die
Sensationen des Kindes wird, gleichgültig ob sie ihren eigenen Neigungen
oder der Verdrängung gerade dieser Neigungen folgt. Eine Mutter, zum
Beispiel, die besonders gerne küßt, wird das Kind mit Küssen
überschütten und das Kind seinerseits wird diese Küsse als
lustvoll empfinden. Einer anderen Mutter wird es Freude machen, die kleinen
Fäuste oder die Füße des Kindes spielerisch mit den Lippen zu
fassen; auch dieses Verhalten wird die Lustsuche des Kindes in eine bestimmte
Richtung drängen. Einer anderen Mutter wieder scheint es notwendig, dem
Kind häufig Klystiere zu geben. Auch daraus kann das Kind Lust beziehen.
Das orale oder anale Interesse der Mutter bleibt also nicht ohne Einfluß
auf das Kind, wie man in der Psychoanalyse schon seit langem erkannt hat. Wie
beeinflußt die Mutter das Kind aber durch ihre Zurückhaltung von
allen diesen Handlungen, wenn sie sich das Küssen des Säuglings aus
inneren Gründen versagt, sich schämt, mit ihren Lippen an seinen
Fäusten oder Füßen zu spielen, oder schon gelernt hat, daß
Klystiere für das Kleinkind nicht immer harmlos bleiben?
Es scheint,
daß,die Mutter ihre Zurückhaltung dem Kind gegenüber nicht ohne
Kompensationen zustande bringen wird. Wenn sie sich das Küssen des Kindes
selbst nicht gönnt, wird sie auch andere Erwachsene davon abzuhalten wissen
oder Ekel und Widerwillen zeigen, wo es gegen ihren Willen doch geschieht. Sie
wird wahrscheinlich auch dem Vater des Kindes gegenüber im Küssen
gehemmt werden. Wir dürfen annehmen, daß das Kind diese Vorgänge
merkt und das Küssen dadurch eine bestimmte negative Bedeutung für
sein Leben erwirbt. Nicht anders. wird es mit dem nicht ausgeführten Spiel
der Mutter mit den Händen und Füßen des Kindes gehen. Die Mutter
wird doch fortfahren, irgendwie sich mit ihnen zu beschäftigen, sie
vielleicht in die Nähe des Mundes halten, so tun, als ob sie sie
abbeißen wollte. jedenfalls wird das Kind auf irgendeine Weise
spüren, daß seine Hände und Füße wichtige orale
Objekte für die Mutter sind. Die Mutter, die ihrer Neigung, dem Kind
Klystiere zu geben, nicht nachgibt, wird doch ihre Sorge um seine
regelmäßige Verdauung nicht verbergen können. Sie wird
übermäßig ängstlich werden, wenn der Stuhlgang sich nicht
pünktlich einstellt, sie wird seine Diät besonders beobachten. Wieder
wird dem Kind kaum entgehen können, daß seine Exkremente für die
Mutter besondere Wichtigkeit haben.
Von diesen Ermäßigungen
ihrer Handlungen abgesehen aber, ist es nur zu wahrscheinlich, daß die
Mutter gelegentlich auch die Einschränkungen durchbrechen wird, die sie
sich bewußt oder unbewußt dem Kind gegenüber selbst auferlegt
hat. Solche Durchbrüche werden dann so affektbesetzt sein, daß die
seltene Handlung dadurch für das Kind nur um so größere
Bedeutung erhält.
Ich füge im folgenden eine Reihe anderer
Beispiele aus meiner Beobachtung an.
Eine Mutter leidet an
übertriebener Angst vor Ansteckungen. Auf Grund dieser Einstellung versucht
sie, auf jede Weise das Kind vor der Berührung mit' gefährlichen
Bazillen zu behüten. Sie legt den Waschungen des Kindes besondere Bedeutung
bei, sie hält es von bestimmten Gegenständen und von bestimmten
Menschen fern. Das Kind bezieht aus diesen Vorgingen, besonders aus der
Berührung bei den vielen Waschungen, zuerst nur Lust. Später tritt die
Unlust, die mit den vielen Verboten und Beschränkungen einhergeht, in den
Vordergrund. Zu allen Zeiten aber drängen die Schutzmaßnahmen, die
das Leben des Kindes umgeben, seine Aufmerksamkeit in eine bestimmte Richtung.
Die Angst der Mutter, ihr neurotischer Charakterzug, wird bestimmend für
die kindliche Entwicklung.
Eine besonders eifersüchtige und
herrschsüchtige Mutter ist gewohnt, sich überall im Leben in den
Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu schieben. Sie überhäuft das Kind mit
Zärtlichkeiten und genießt seine Gebundenheit. Sobald das Kind aber
seine Aufmerksamkeit einem anderen Erwachsenen zuwendet, empfindet sie es als
unerträglich, wird reizbar und böse in ihrem Verhalten ihm
gegenüber und hat nur den einen Wunsch, das Kind wieder von seinem neuen
Liebesobjekt zu trennen. Diese Eifersucht der Mutter kann dem Kind nicht
verborgen bleiben. Es fühlt sich durch die Wichtigkeit geschmeichelt, die
die Mutter seiner Person beilegt, und genießt die Aufmerksamkeit, die sie
ihm zuwendet. Gleichzeitig muß es die Einschränkungen seiner Freiheit
in der Wahl von Objekten als unlustvoll empfinden. Auch dieser Charakterzug der
Mutter wird eine wichtige Rolle im Leben des Kindes spielen.
Eine Mutter
hat Anfälle von Verstimmungen, in denen sie ihr libidinöses Interesse
vom Kind zurückzieht und ganz auf die eigenen Konflikte konzentriert. Das
Kind fühlt sich in diesen Perioden unglücklich, die Mutter erscheint
ihm zu diesen Zeiten wie fremd und unerreichbar. Mit dem Vorübergehen des
Verstimmungsanfalles wendet sich auch die Liebe der Mutter dem Kind immer wieder
zu. Es ist nur selbstverständlich, daß das Kind in irgendeiner Form
die Nachwirkung dieses periodischen Aussetzens der Beziehung zur Mutter zeigen
wird.
Man würde erwarten, daß diese Angst-, Eifersuchts- und
Verstimmungszustände der Mutter vor allem die Ablehnung des Kindes
-hervorrufen müssen. Merkwürdigerweise ist das nicht der Fall. Eine
Mutter, die an Angstzuständen leidet, berichtet, daß ihr kleiner
Junge gerade an solchen Tagen immer mit besonders gefährlichen Geräten
spielt oder laut klagend mit den harmlosesten Verletzungen zu ihr gelaufen
kommt, als ob es gefährliche Wunden wären. Das Kind spricht zu diesen
Zeiten fast unaufhörlich von Krankheiten, Verwundungen und Unfällen.
Wir dürfen natürlich annehmen, daß die Mutter in ihrem
Angstzustand Kleinigkeiten übertreibt und auf harmlose Bemerkungen
übermäßigen Wert legt. Die Tatsache bleibt aber bestehen,
daß das Kind sich ihrer übermäßigen Sorge nicht entzieht,
sondern ganz im Gegenteil ihr noch Anlaß zur Steigerung ihrer
Angstlichkeit liefert.
Eine andere Mutter, die sich ihrer Eifersucht
bewußt ist, berichtet, daß ihr Kind in auffälliger Weise vor
ihr Gunstbezeigungen an andere Personen verteilt. Es küßt und umarmt
immer wieder in provozierender Weise vor ihr sein Kindermädchen oder ihre
Freundin, als ob es seine Liebe für diese Objekte zur Schau stellen wollte.
Es will die eifersüchtige Mutter offenbar noch eifersüchtiger
machen.
Die Mutter mit den periodischen Verstimmungen berichtet, daß
ihr kleines Kind nie so schlimm, reizbar und provokant ist wie zu diesen Zeiten.
Diese Veränderung fällt nicht nur ihr, sondern allen Hausbewohnern
auf. Die Mutter fühlt, als ob das Kind alles dazu tun wollte, ihre
Verstimmung noch zu steigern. Diese Reaktion des Kindes ist so
regelmäßig, daß die Mutter gelernt hat, sie als das erste
Anzeichen der ihr oft noch gar nicht bewußten Wiederkehr der Verstimmung
zu werten.
Wir schließen aus diesen Beispielen, daß die
Persönlichkeitsentwicklung des Kindes durch den Charakter der Mutter
beeinflußt werden muß. Die größte Rolle bei dieser
Beeinflussung fällt offenbar jenen Zügen der Mutter zu, die am
stärksten mit Affekt besetzt, d. h. die am meisten libidinös betont
oder am energischesten verdrängt worden sind. Das Unbewußte der
Mutter spielt keine geringere Rolle für das Leben des Kindes als der
bewußte Anteil ihrer Persönlichkeit.
Das Kind ist in seiner
Entwicklung den Anregungen der Mutter gefolgt. In den Handlungen der
Kinderpflege hat sie ihm, von ihren eigenen Vorlieben und Abneigungen geleitet,
bestimmte lustvolle Empfindungen verschafft. Sie hat es entweder mit dem
verführt, was ihr selbst am meisten Lust bereitet, oder sie hat sich von
der Verführung zurückgehalten und bei dieser Verdrängungsleistung
die Aufmerksamkeit des Kindes gerade auf den einen Punkt gelenkt, den sie vor
dem Kind verborgen halten wollte. Das Kind, das auf ihre Verführung oder
die Vermeidung der Verführung reagiert, macht nun seinerseits alle
Anstrengungen, die Mutter durch Verführung zu gewinnen. Es ist nur
natürlich, daß es sich dabei wieder der am meisten lustbetonten
Methoden bedient, d. h. gerade der Methoden, die der Affekt der Mutter es
gelehrt hat. Das Kind reagiert auf den Impuls, der im Augenblick in der Mutter
die Oberhand hat. Durch diese Wechselwirkung entsteht zwischen Mutter und Kind
ein intimes Einverständnis und der Anschein einer großen
Ähnlichkeit. Die Charakterbildung der Mutter, ihre Neurose, ihre
Zwänge, Ängste, Symptome, was immer bei ihr affektbetont oder
verdrängt ist, ist mit der zündenden Gewalt eines elektrischen Stromes
von der Mutter auf das Kind übergeisprungen.
Die Beobachtungsgabe des
Kindes hat es in den Stand gesetzt, das Wesen der Mutter bis in seine Tiefen zu
erforschen. Die bewußten und unbewußten Reaktionen der Mutter zeigen
dem Kind in positiver und negativer Form die zentralen Probleme ihres Lebens an.
Die direkte Beobachtung gibt dem Kind Aufschluß über die
bewußte Persönlichkeit der Mutter,' die Beobachtung ihrer Abwehr- und
Vermeidungsaktionen führt es indirekt auf dem Weg über
Schlußfolgerungen zur Rekonstruktion des unbewußten Anteils ihrer
Persönlichkeit. Wir würden also nicht mehr wie früher sagen: das
Unbewußte des Kindes hat sich mit dem Unbewußten der Mutter in
Verbindung gesetzt. Wir müßten sagen: das Kind hat eine feine
Beobachtung für die verräterischen Handlungen, durch die die Mutter
ihr Unbewußtes preisgibt. Es zieht Schlüsse aus seinen Entdeckungen
und handelt auf Grund dieser Schlüsse.
Aber die Forschungs- und
Beobachtungstätigkeit des Kindes, mit der es in einer kurzen Zeitspanne so
überraschende Resultate erreichen kann, hat doch ihre zeitlichen Grenzen.
Das Kind ist gezwungen, seine Beobachtungsgabe der Anpassung an die erwachsene
Welt zuliebe aufzugeben.
Ich habe schon erwähnt, daß die
beobachteten Tatsachen selbst der Verdringung verfallen, wenn sie zu
gefährlich werden. je ernsthafter die Konflikte der Außenwelt sind,
die das Kind zu sehen bekommt, desto energischer muß das Kind vor sich
selbst verleugnen, was es gesehen hat. Wir hören, das Kind gelangt auf
seinen eigenen Wegen dazu, die unbewußten Wünsche der Mutter zu
erraten. Aber je besser das Kind sie errät, desto stärker wird es
Widerstand und Ablehnung der Mutter gegen sein Wissen zu fühlen bckommen.
Außerdem ist es enttäuschend, zu entdecken, daß diese
unbewußten Wünsche der -Mutter gar nicht auf es, sondern auf andere
Objekte gerichtet sind.
Das Kind muß sich daran gewöhnen, von
jetzt an auf Ablehnung zu stoßen, wann immer es Stücke aus dem
gesammelten Schatz seiner Beobachtungen mitzuteilen versucht. Der Erfolg davon
ist, daß es zuerst die Mitteilungen, in weiterer Folge auch die
Beobachtung selbst als störend für die Anpassung an die
Außenwelt einstellt. Schließlich verliert es die Fähigkeit
durch geringen Gebrauch und Verdrängung; die Erkenntnisse, die mit so viel
Freude gesammelt wurden, verschwinden. In der Latenzperiode finden wir nur mehr
das Gegenteil der früheren Verhältnisse; das Kind zeigt sich
merkwürdig stumpf, wo immer die Umwelt Aufmerksamkeit und Beobachtung
verlangt. Die Erwachsenen klagen über diesen Mangel. Sie versuchen es sogar
mit Gegenmaßnahmen. So werden zum Beispiel in den modernen Schulen die
übungen zur Schärfung der Beobachtungsgabe zum eigenen
Unterrichtsgegenstand.
In den seltenen Fällen, in denen Mutter und
Kind gleichzeitig analysiert werden, können wir der überraschenden
Einfühlung des Kindes in die Mutter im einzelnen nachspüren. Wir
können sehen, wie sein scheinbar intuitives Verständnis für das
Unbewußte der Mutter auf frühestc Beobachtungen und Überlegungen
zurückgeht, die seitdem der Verdrängung verfallen waren und erst durch
die analytische Arbeit wieder ins Bewußtsein gehoben werden.
Berta
Bornstcin hat mir ein solches Beispiel aus der Analyse eines größeren
Mädchens zur Verfügung gestellt, das sich, gleichzeitig mit seiner
Mutter, bei ihr in Analyse befindet. Ich berichte im folgenden mit ihren eigenen
Worten:
„Die zwölfjäihrige Patientin hat eine intensive
Haßbindung an die Mutter entwickelt, in der aggressive Forderungen
vorherrschen. Sie gebraucht der Mutter gegenüber mit Vorliebe deren eigene
Redewendungen, erläßt der Mutter gegenüber Gebote und Verbote in
einer Form, wie es die Mutter dem kleinen Kind gegenüber getan haben
würde. Die Forderungen der Mutter werden von dem Kind keineswegs
erfüllt. Die Beziehung zur Mutter schien vorwiegend in einer
Identifizierung mit deren Gesten zu bestehen.
Eine Hauptphantasie der
kleinen Patientin blieb längere Zeit unverständlich, bis die Analyse
der Mutter ein Licht auf sie warf.
Die Kleine phantasierte und
benützte folgende Phantasie zu pseudologischen Zwecken: Sie sei ein in
England geborenes Kind, sehr vornehm, sehr streng erzogen, ohne Mutter
aufgewachsen.
Die Phantasie war in verschiedenen Details klar, wie zum
Beispiel vornehme und strenge Erziehung, Mutterlosigkeit. Woher stammte aber das
Detail der Herkunft aus England? Warum hielt das Kind an diesem Detail in ihren
pseudologischen Erzählungen fest? Das Kind wußte dazu überhaupt
nichts anzugeben.
Aus der Geschichte der Mutter muß an dieser Stelle
folgendes mitgeteilt werden: Die Mutter hatte zum Ausgang ihres
Ödipuskomplexes eine stark masochistisch gefärbte Bindung an eine
englische Erzieherin entwickelt. Gegen diese masochistische Bindung hatte die
Mutter schon als Kind und eigentlich bis zur Analyse einen heftigen Kampf
geführt. Beides, sowohl die Bindung an die englische Erzieherin als auch
der Kampf dagegen, waren weitgehend der Verdrängung
anheimgefallen.
Die Mutter versicherte in glaubwürdiger Weise,
daß sie niemals mit ihren Kindern über diese Engländerin, die
ihr die Kindheit vergällt hatte, gesprochen habe, ja die Kinder
wußten auch bestimmt nichts davon, daß es so eine Engländerin,
die Miß X., in ihrem Elternhause gegeben haben konnte.
Wir legten uns
die Frage vor: Wie ist es im Falle unserer kleinen Patientin dazugekommen, sich
mit dem Unbewußten' der Mutter zu identifizieren? So suchten wir in der
Analyse der Mutter nach Anzeichen, durch welche sie ihre sie quälenden, dem
Bewußtsein entzogenen Vorstellungen in einer Weise zum Ausdruck brachte,
die ihr selbst verborgen blieb, aber vom Kind mit wachen Augen aufgenommen, wenn
auch nicht bewußt verarbeitet wurden. Diese Anzeichen ließen sich
dann auch als höchst grobe erkennen. Die Mutter, die ihre Kinder fast
spartanisch erzog, wünschte und betonte deren Selbständigkeit und
Freiheit in vielen Situationen. Dies war ein Weg für sie, sich von der
englischen Erzieherin der Kindheit zu lösen. Da sie dabei gleichzeitig ein
Schuldgefühl dieser Mutterersatzfigur gegenüber empfand, ist
verständlich, daß sie die Ablehnung englischer Erziehungsmethoden
besonders betonte und vor sich ihre Abkehr rechtfertigen mußte. Etwa,
indem sie ihren Kindern sagte, bevor sie sie in den Park schickte: „Geht
nur allein, vergnügt euch wie ihr wollt, ich will keine Missenkinder
haben.“ Was die Tochter aus dieser Rede der Mutter herausfühlt, ist
deren Unsicherheit. Das Kind weiß zu gut aus Erfahrung, daß man nur
dort Verteidigungsreden hält, wo man sich schuldig fühlt. Die Mutter
tut also etwas, was sie eigentlich nicht möchte, wenn sie die Kinder ohne
Miß in den Park schickt. Die schwache Stelle der Mutter wird zum
Angriffspunkte für das kritische, an der Mutter enttäuschte Kind. Sie
könnte die Mutter jetzt gut treffen, indem sie ihr vorwerfen würde:
„Schäme dich, daß du uns keine englische Erzieherin
hältst, die uns vor den Gefahren der Straße bewahrt.“ Noch
tiefer ist die Anklage und der Vorwurf gegen die Mutter, wenn sie diese Mutter,
die sie enttäuscht und vernachlässigt, beseitigt, indem sie den Wunsch
der Mutter zu ihrem eigenen macht, sich identifiziert. (Im übrigen
heißt es in der pseudologischen Geschichte: Mutterloses, englisches Kind.)
Auch die Mutter löste durch die Bindung an die Erzieherin die Bindung an
die Mutter. Alle Identifizierungen der kleinen Patientin hatten etwas
Karikaturhaftes an sich und verrieten so den Boden der Feindseligkeit, auf dem
sie entstanden waren. Sie übertrieb die Haltung jener Personen, mit denen
sie sich identifizierte. Die Mutter also wollte eine Miß haben. Sie
muß dies demnach auch. Aber sie tut wie immer noch ein übriges dazu.
Sie ist nicht nur ein Missenkind wie die Mutter, sondern sie ist selber eine
englische Lady, eine Miß. (Tatsächlich nahm sie der Mutter
gegenüber von Zeit zu Zeit auch den Ton einer englischen Erzieherin
an.)
Ein anderes Beispiel entstammt der Analyse einer kleinen
achtjährigen Patientin, die -ich behandle. Das kleine Mädchen wird in
ihren Analysestunden gelegentlich außerordentlich aggressiv, d. h. sie
verwandelt sich plötzlich aus einem friedlichen freundlichen Kind in einen
kleinen Unband, will zerstören, was sich im Zimmer findet, bedroht mich mit
allem, was sie erreichen kann, will Vasen und Teller auf mich werfen und
beginnt, die Messer und Scheren, mit denen sie arbeitet, als Waffen zu
verwenden.
Die Mutter ist sehr besorgt um das Kind und wiederholt immer
wieder, wie sehr sie fürchtet, daß das Kind eine Sadistin werden
könnte. Bei einer der Besprechungen über das Kind beginnt die Mutter
eines Tages von ihrer eigenen Vergangenheit zu berichten. Sie hatte eine
besonders unglückliche Kindheit hinter sich. Sie habe zu Hause schreckliche
Szenen mitgemacht. Aber das sei noch nicht das Ärgste, das sie zu berichten
habe. Sie sei ihre ganze Kindheit von Zwangsimpulsen, andere Menschen zu
verletzen, geplagt worden. Sie habe immer allein gegen diese Impulse
gekämpft, ohne sich jemals irgend Jemand gegenüber auszusprechen. Sie
konnte kein Messer und keine Schere in die Hand nehmen, ohne den Wunsch zu
fühlen, einen bösen Gebrauch davon zu machen. Aber trotzdem habe sie
nie jemandem etwas zuleide getan und mit Hilfe von Selbstbeherrschung alles
überwunden. Nach der Pubertät hätten die Zwangsimpulse dann
aufgehört.
Die Erzählung der Mutter wirft ein überraschendes
Licht auf das schwer durchschaubare Benehmen des Kindes. Man erhält den
Eindruck, daß das Kind die aggressiven Impulse der Mutter gespürt hat
und sie zur Ausführung bringt.
Die Mutter setzt ihren Bericht ein
anderes Mal noch weiter fort. Sie erzählt, das Kind hätte zu Hause
eine Geschichte gelesen und sei dabei sehr aufgeregt worden. Sie sei ins Zimmer
zu ihr gelaufen gekommen und hätte gesagt: „Jetzt weiß ich, wie
man Leute umbringen kann.“ Die gelesene Geschichte schildert die
Herstellung eines bestimmten tödlichen Giftes. Die Mutter sei erschrocken
und böse geworden. Solche Gedanken solle man überhaupt nicht denken.
Und Rezepte zum Umbringen von Menschen seien überhaupt ganz
überflüssig. Es gäbe gar nichts leichteres, als jemanden
umzubringen, dazu sei jeder einfachste Gegenstand, den man zur Hand habe, gut
genug. Nur sollte man sich nie erlauben, solche Wünsche und Gedanken zu
denken.
Dieses Beispiel zeigt uns eine Mutter, die ihr Leben hindurch gegen
ihre eigenen schwer aggressiven Impulse anzukämpfen hatte. Es gelingt ihr,
dieser Regungen Herr zu werden, aber sie lebt -in ständiger Angst,
daß die Zwangsimpulse wiederkehren und ihr Leben von neuem verstören
könnten. Unter dem Druck dieser Angst muß die Mutter das Kind von
Anfang an auf die Anzeichen aggressiver Regungen hin beobachtet haben. Sie wird
unruhig und verzweifelt, wenn sie beim Kind Ähnliches zu -bemerken glaubt.
Sie möchte nicht, daß das Kind dem gleichen Schicksal verfällt
wie sie selbst. Es ist außer Zweifel, daß das kleine Mädchen
die Angst der Mutter vor dem Auftauchen aggressiver Regungen bei ihr kennt. Sie
wird ständig aggressiver, so als ob sie die darauf erfolgenden Reaktionen
der Mutter bewußt hervorlocken wollte. Die Äußerung des Kindes
schließlich, „jetzt weiß ich, wie man Leute umbringen
kann“, zeigt, daß ihr die Befürchtungen der Mutter nicht
verborgen geblieben sind. Die Antwort der Mutter anderseits trägt die
Prägung ihrer eigenen Konfliktsituation: es ist leicht, Leute umzubringen,
jedes Gerät ist gut genug dazu. Diese eine Bemerkung müßte
genügen, um dem Kind den in der Mutter vor sich gehenden Kampf von
Gefühlen zu verraten. Wir dürfen annehmen, daß das Kind im Laufe
seiner Entwicklung auf solche und ähnliche Arten dem einen Affekt, der das
Leben der Mutter beherrscht, Schritt für Schritt immer näher an den
Leib gerückt ist.
Ich möchte diese Arbeit aber nicht beenden,
ohne zu betonen, daß ich nicht glaube, mit dem Beschriebenen alle
Beziehungen zwischen Mutter und Kind erschöpft zu haben. Es gibt immer noch
Elemente, die sich. unserem Verständnis entziehen, Situationen, in denen
auch die genaue Nachforschung kein Bindeglied zwischen dem Vorgang in der Mutter
und den entsprechenden Vorgingen im Kind sichtbar werden läßt. Wenn
ein Affekt- oder Denkvorgang der Mutter im gleichen Augenblick auch im Kind
auftaucht, so bleibt uns nichts anderes übrig, als das als
Gedankenübertragung zu bezeichnen. Wir haben gesehen, wie viele
Eindrücke aus dem Innenleben der Mutter der fein abgestimmte Sinnesapparat
des Kindes aufzunehmen bereit ist. Vielleicht ist dieser Sinnesapparat noch weit
empfindlicher als wir auch heute wissen. Jedenfalls bleibt die Tatsache,
daß im Unbewußten von Mutter und Kind die gleichen Probleme oft im
gleichen Augenblick eine Rolle spielen. Solche Beispiele sind bekannt; mir
stehen nur meine persönlichen Erfahrungen zur Verfügung, Meine Kinder
waren gleichzeitig mit mir in Analyse. Es ist mir mehr als einmal aufgefallen,
daß dasselbe Thema, das zur Zeit in meiner Analyse im Vordergrund stand,
auch in der Analyse eines der Kinder die größte Rolle spielte;
allerdings mit einem bedeutsamen Unterschied. Was sich offenbar von mir auf das
Kind übertragen hatte, wirkte dort als Fremdkörper, der nicht mit dem
allgemeinen analytischen Verlauf in Einklang zu bringen war. Solche
Übereinstimmungen ließen sich manchmal auf Tag und Stunde verfolgen,
bei den Knaben allerdings merklicher als bei den Mädchen. Ich möchte
mich in eine Diskussion dieser Dinge nicht weiter einlassen. Ich weiß
nicht, worauf man dieses Phänomen zurückführen könnte. Aber
es ist vielleicht die nächste Fortsetzung des Problems, mit dem wir uns
heute beschiftigt haben.
Fassen wir zum Schluß das Gesagte noch
einmal zusammen. Das Kind hat also eine größere Beobachtungsgabe als
man bisher erkannt hat; es beobachtet sowohl die direkte Äußerung von
Gefühlen wie auch die Bemühungen, lebenswichtige Regungen zu
verleugnen. Verdrängte Impulse, die in der Charakterbildung der Mutter eine
besondere Rolle spielen, dringen sich seiner Aufmerksamkeit besonders auf. Das
Kind spürt die Verführungskraft dieser Regungen und verwendet sie auch
seinerseits wieder zur Verführung der Mutter. Das Kind verliert diese
Fähigkeit bei seiner Entwicklung zur Anpassung an die Forderungen der
erwachsenen Umwelt. Mit anderen Worten: das vorher unverständliche, fast
unheimliche Wechselspiel der Gedanken und Affekte zwischen Mutter und Kind kann
auf diese Weise zum größten Teil auf die scharfe Beobachtung des
Kindes zurückgeführt werden.
Mit der Annahme dieser Vermutungen
entziehen wir den zwei anderen möglichen Erklärungsversuchen für
diese Phänomene ein Stück Boden. Das eine ist die vorhin geschilderte
direkte Gcdankenübcrtragung, das andere ist die Erklärung durch die
Erblichkeit.
Die Theorie der Gedankenübertragung mutet dem
Unbewußten des Kindes die intuitive Kraft zu, sich mit dem
Unbewußten der Mutter in Verbindung zu setzen.
Die Vererbungslehre
weist darauf hin, daß das Kind der Mutter von vorn herein gleicht.
Bestimmte Charakterzüge vererben sich eben in direkter Linie von der Mutter
auf das Kind. Den Eltern selber liegen diese Möglichkeiten sehr nahe. Ihre
Angst vor der Erblichkeit taucht in den Besprechungen über die Kinder immer
wieder auf, sie suchen im Kind nach den gefürchteten Charakterzügen
oder verfolgen auftauchende Regungen des Kindes mit lebhaften
Schuldgefühlen.
Diesen beiden unbeeinflußbaren und fremden
Mächten, der Telepathie und der Vererbung, gegenüber befinden wir uns
mit unserer Theorie von der Einfühlung des Kindes in die Mutter auf Grund
von frühesten Beobachtungen auf vertrauterem Boden.