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Prof. Dr. med. et phil. Horst-Eberhard Richter

Psychoanalytiker, ehem. Direktor des Sigmund-Freud-Institutes, Mitbegründer der bundesdeutschen Sektion der IPPNW (Deutsche Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges / Ärzte in sozialer Verantwortung), Friedensnobelpreis 1985

Folter und Humanität

(Einführungsvortrag zur Tagung „Folter und Humanität“

am 6.11.Urania Berlin)


Was bedeutet Folter? Welche Antriebskräfte erklären die Virulenz dieses Übels bis ins 21. Jahrhundert hinein? Wie gerät ausgerechnet die Führungsmacht des Westens in diese Verstrickung? Was können die helfenden Berufsgruppen tun, und was tun sie bereits, um den Traumatisierungen und deren Folgen entgegenzuwirken? Wie steht es um den rechtlichen Schutz? Wie ist er geregelt, und wie funktioniert er in der Wirklichkeit? Wie kann die Bürgergesellschaft ihre Mitverantwortung besser zur Geltung bringen, um den zivilisatorischen Rückfall in die Barbarei, denn ein solcher findet statt, aufzuhalten? Wie können wir das Bewusstsein fördern, dass kultureller Fortschritt zuallererst an einem Zuwachs an Menschlichkeit und nicht an technischen Eroberungen gemessen werden muss?

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Ich möchte Sie nun einladen, mich zur Einführung bei einigen Gedanken zur Sozialpsychologie des Folterproblems zu begleiten. Es sind Betrachtungen über die Anstifter, die Täter, die Opfer und über massenpsychologische Phänomene. Gerade habe ich eine Reihe von Vorlesungen und Seminaren über den „Umgang mit dem Bösen“ an der Universität Wien abgeschlossen, zu denen mich noch Peter Ustinov persönlich eingeladen hatte. Der hat am Ende seines letzten Buches den Satz geschrieben: „Meine Lebenserfahrung sagt mir, dass der Hass auf andere Menschen Selbsthass ist, getarnter Selbsthass.“

Diese Aussage trifft auch das Folterproblem im Kern. Foltern hat immer mit der Abreaktion von Selbsthass zu tun. Aber wo kommt dieser her? Es würde viel Zeit kosten, bis in die Jahre des frühen Christentums zurückzugehen, als die Manichäer und Augustinus das Problem einer inneren Gespaltenheit des Menschen zur Sprache brachten, das es in der griechischen Antike in dieser Form noch nicht gegeben hatte. Die Lehre des Kirchenvaters Augustinus, wonach jeder Mensch die Erbsünde, also das Böse lebenslänglich in sich trage und nur mit Gnadenhilfe der Kirche auf eine allerdings immer noch ungewisse Erlösung hoffen könne, begründete eine Herrschaft der Kirche, die aber auf einer heiklen Voraussetzung beruht: Nämlich dass diese Kirche selbst den Geist der Reinheit ausstrahlt, der allein sie für ihre versprochene Gnadenhilfe glaubwürdig machen kann. Stattdessen sorgt sie schon im frühen Mittelalter für eine anwachsende Vertrauenskrise dadurch, dass sich allmählich in ihren eigenen Reihen – wie es heißt – die Diener des Bauches und des Mammons stark vermehren. Es gelingt ihr nicht, sich zu reformieren.
So klagt Anfang des 13. Jahrhunderts Papst Innozenz III. ganz offen vor einem Konzil: „Jede Verderbnis im Volk geht in erster Linie vom Klerus aus.“ Schlechte Priester seien schuld an der Ausbreitung des Ketzer-Unwesens. Da besinnt sich die Kirche auf ein alterprobtes Herrschaftsmittel, indem sie sich selbst durch Ablenkung des allgemeinen Unmuts auf Sündenböcke aus der Schusslinie bringt. Als solche Sündenböcke bieten sich Scharen der Glaubensabweichler an. Unter diesen erscheinen die Katharer besonders gefährlich, weil sie sich von der katholischen Kirche gerade wegen deren Verweltlichung und Ausschweifungen abgewandt haben. So ziehen sie gewissermaßen als lebendiger Vorwurf besonderen Hass des Klerus auf sich.

Das Startsignal für die europäische Inquisition gibt Papst Gregor IX. im Jahre 1231. Da ernennt er den Magister Konrad von Marburg offiziell zum Aufspüren von Ketzern und stattet ihn mit einer Vollmacht für eine Sondergerichtsbarkeit aus. Dieser Konrad wütet fortan mit Anklagen und Verbrennungen im Lande. Er entfacht, wie es heißt, einen regelrechten Feuersturm. Seine Gnadenlosigkeit stößt bald auf Kritik, nicht aber bei Papst Gregor, der ihn konsequent deckt. Gregor IX., eine der herausragenden Papstgestalten des hohen Mittelalters, ist von gleicher schonungsloser Härte wie Konrad. Sie zeigt sich in seinen brutalen Anordnungen bei der Organisation der Inquisitionspraxis. Rechtsanwälte und Notare dürfen den Beschuldigten nicht beistehen. Diese dürfen nicht mehr testamentarisch über ihren Besitz verfügen. Kinder und Enkel werden in Sippenhaft einbezogen. Aber als raffinierter Diplomat sorgt der Papst für eine Selbsttarnung der kirchlichen Grausamkeit. Beim Vollzug der Strafen tritt die Kirche nicht mehr in Erscheinung. Ein Geistlicher übergibt die Opfer einem staatlichen Beauftragten mit der rituellen Bitte, die Schuldigen an Leib und Leben zu schonen, wohl wissend, dass diesen in vielen Fällen der Scheiterhaufen droht. So tut die Kirche scheinbar dem christlichen Tötungsgebot Genüge. Das Prinzip solcher Heuchelei hat sich bis heute fortgeerbt, so etwa bis zu jenem Oberbefehlshaber, der sich scheinheilig über folternde Soldaten erst entrüstet, nachdem deren Taten, von denen er durch Berichte und Fotos längst unterrichtet ist, zufällig an die Öffentlichkeit geraten.

Zu allen Zeiten suchten und suchen die Verantwortlichen für organisierte Grausamkeit nach Legitimation durch den Allerhöchsten. Das Bild der Barbarei wird mit Beweisen christlichen Edelsinns übermalt, etwa durch demonstrative Bindung an allerseits verehrte Heilsfiguren. So tut sich Konrad von Marburg mit der später heilig gesprochenen Elisabeth zusammen und wacht als Beichtvater über ihre strenge Askese und über ihre bedingungslose Hingabe als karitative Wohltäterin. Dabei verrät sein fanatischer erzieherischer Eifer, den er dabei an den Tag legt, dass er eigentlich für sich selbst kämpft. Er will Elisabeth dem Himmel und seiner Umgebung als sein eigenes besseres Selbst vorzeigen und seine Untaten durch sie absegnen lassen.

Papst Gregor hat sich nach demselben Muster gleich zwei Entlastungszeugen besorgt. Es sind Franziskus und Klara von Assisi. Beiden erweist er einerseits Beschützerdienste. Andererseits sucht er ihren Beistand. An die fromme Klara schreibt er, dass er ihr seine Seele und seinen Geist anvertraue und dass sie die Sorge für sein Heil übernehmen möge. Er habe den Herrn der Erde so sehr beleidigt, dass er nicht mehr würdig sei, der Schar der Erwählten anzugehören. Helmut Feld, der bekannte Franziskus-Forscher, erkennt hier den schlichten Versuch des Papstes, bei Klara so etwas wie eine eigene Rechtsschutzversicherung für das Jüngste Gericht abzuschließen. Ähnliche Motive können einem Psychoanalytiker begegnen, wenn etwa ein hoher Manager schädliche Produkte exportiert und therapeutisches Verständnis mit einer Läuterungshilfe verwechseln will.

Man kann in diesem Zusammenhang auch an einen Präsidenten denken, der sich einst mit seinem Alkoholproblem dem Erweckungsprediger Billy Graham offenbarte und von ihm die Versicherung erhielt, durch Gott ein neuer Mensch zu werden, sofern er seinen inneren Dämon aufgebe. Der Geständige fühlte sich in der Tat erweckt und seitdem als ein vom Himmel Berufener. Aber hat sich sein innerer Dämon etwa nur in das feindliche Böse außerhalb verwandelt?

Papst Gregor vergießt bei der Beerdigung von Franziskus einen Strom von Tränen und spricht diesen 1228 und Klara 1235 heilig, ohne die Verfolgung von Glaubensabweichlern im geringsten abzumildern. Er tritt noch als Hauptverantwortlicher für eines der größten Kulturverbrechen des Mittelalters hervor, nämlich bei der sogenannten „Pariser Talmudverbrennung“. Bei dieser Aktion werden sämtliche in Frankreich, England, Portugal und in Teilen Spaniens entdeckten jüdischen Bücher konfisziert und vernichtet.


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Mit Gott gegen das Böse! Die Herbeirufung des Segens des Allerhöchsten ist für die Beschwichtigung von Gewissensängsten bei organisierter Brutalität bis heute Tradition geblieben. Als Papst Urban II. in Clermont zum Kreuzzug gegen Araber und Türken aufruft, nennt der die Feinde „gemeines Gezücht“. Das Wort Terroristen gibt es noch nicht. Gemeines Gezücht reicht aber schon, um die Muslime als Untermenschen zu stigmatisieren und ihre schonungslose Bekämpfung zu rechtfertigen. Präsident Bush hatte die Völker vor die Alternative gestellt: „Entweder ihr seid für uns, oder ihr seid für die Terroristen!“ Papst Urban wirbt für seinen Kreuzzug mit den Sätzen: „Auf der einen Seite werden die Elenden sein, auf der anderen die wahrhaft Reichen, hier die Freunde Gottes, dort seine Feinde.“ Weiter sagt er: „Mögen diejenigen, die bisher Räuber waren, Soldaten werden!“ Was doch nur so verstanden werden kann, dass Räuberleben und Gewalt gegen das elende Gezücht der Muslime sich gut vertragen. Es ist nichts anderes als eine verhüllte Einladung zur Grausamkeit.

Diese bricht dann auch durch bei dem Kreuzzug der Bauern, der als erster nach dem päpstlichen Aufruf noch vor den Rittern aufbricht. Es sind tausende von einfachen, armen Leuten, die sich ohne zureichende Rüstung mit ihrer ganzen Habe auf den Weg machen, von dem sie glauben, dass er sie bald in das nicht weit entfernt vermutete Jerusalem führt. Nach einiger Zeit durchschauen sie ihre Illusion, fühlen sich getäuscht und verraten. Plünderungen und Brutalitäten markieren ihren Zug durch die Lande, der zum Scheitern bestimmt ist. Viele Unschuldige bekommen stellvertretend den Hass auf die unverantwortlichen Anstifter des Unternehmens zu spüren.

Ich stelle mir vor, was wohl jüngst in den amerikanischen Soldaten vorgegangen ist, denen zugemutet worden war, über 10.000 irakische Zivilisten in einem Krieg zu töten, dessen Begründung nicht stimmte. Sie erfuhren, dass es die verbotenen Waffen nicht gab, die sie suchen sollten, und dass Saddam Hussein mit dem 11. September nichts zu tun hatte. Nun stehen sie in dem eroberten Land, dem sie viel Leid zugefügt haben, als unwillkommene Eindringlinge in einer Situation beiderseitiger Ängste und Bedrohungen. Keiner der Verantwortlichen hat sich bei den Soldaten entschuldigt. Missbraucht, belogen, verraten – wohin nun mit ihrer Aggression? Liegt es nicht nahe, dass labile Typen sich nach unten abreagieren, weil es nach oben nicht geht? Wenn sie nun Gefangene sadistisch quälen, ist das natürlich unentschuldbar, aber es liegt nahe, den psychologischen Hintergrund so zu deuten.

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Noch ein letzter Blick auf die Endzeit des Mittelalters. 200 Jahre Kreuzzüge mit Hunderttausenden von Toten sind vorüber. Da bricht eine neue Katastrophe über Europa herein und fördert ein massenpsychologisches Phänomen zutage, das so deutlich wie kaum ein anderes die These Ustinovs vom Selbsthass als Ursprung des Verfolgungshasses belegt. 1348 sind die Mongolen in den Westen bis zur Krim vorgedrungen. Mitgebracht haben sie die Pest und deren Überträger, die Hausratte und den Rattenfloh. Als sie auf der Krim einen von Genuesen beherrschten befestigen Ort nicht einnehmen können, werfen sie ihre Pesttoten über die Stadtmauer und erreichen mit dieser ersten Variante von biologischer Kriegsführung, dass die Genueser sich in panischer Flucht über das Meer davonmachen, aber begleitet von den Ratten und Flöhen. So gelangt die Pest bald nach Paris, über den Ärmelkanal nach England. Sie überzieht Zentraleuropa und ganz Skandinavien. In drei Jahren hat sie Moskau erreicht. Wo immer die Seuche ausbricht, tötet sie ein Viertel bis die Hälfte der Bevölkerung. Keiner erkennt die Gefahr der Ratten und Flöhe. Alle Ängste machen sich nur an einem einzigen Thema fest: Es ist der Allmächtige, der uns für unsere Sünden straft. Nur wenn wir unsere Schuld abbüßen, können wir hoffen, ihn zu versöhnen. Versöhnen kommt übrigens sprachgeschichtlich von versühnen im Sinne von entsündigen. Also müssen wir uns selbst strafen, denken die Leute. Es blüht die Bewegung der Geissler auf. In Scharen ziehen Männer mit nacktem Oberkörper durch die Straßen und schlagen sich mit Ruten blutig. Die Frauen geißeln sich in Kirchen oder hinter verschlossenen Türen. Die Selbstfolter wird zu einem einzigartigen Massenphänomen. Nach 33 Jahren dieser Buße wollen die Leute ein neues 1000 jähriges Reich Christi gründen. Damit aber bringen sie die Obrigkeit gegen sich auf. Ohnehin merken die Flagellanten schließlich, dass es ihrem masochistischen Bußritual nicht gelingt, die Seuche zu vertreiben. Daraufhin schlägt der Selbsthass nach außen um. Jetzt heißt es: Wir sind nicht als Gesamtheit die Schuldigen, sondern nur einzelne Gruppen bringen uns das Unheil. Erst verdächtigt man Fremde, dann ausgesonderte Leprakranke, schließlich stößt man auf die vermeintlich wahren Täter: die Juden.

Die Juden schöpfen ihr Wasser aus Flüssen und nicht aus den städtischen Brunnen. Das tun sie aus kultischen Gründen. Aber haben sie nicht ein ganz anderes Motiv? Wahrscheinlich haben sie die Brunnen vergiftet. Bald spricht sich herum, dass Juden in einer südfranzösischen Stadt angeblich genau dieses Verbrechen der Brunnenvergiftung unter der Folter gestanden hätten. Es setzt ein Massaker von unvorstellbarer Grausamkeit ein: Lebendiges Einmauern, Verbrennen von Männern, Frauen und Kindern. Gudrun Beckmann hat diese Episode auf dem Tiefpunkt physischen Elends, psychopathologischer Verrücktheit und moralischer Entmenschlichung in ihrem Buch „Eine Zeit großer Traurigkeit“ erschütternd nachgezeichnet.

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Die Generalversammlung der UNO hat Folter in ihre Erklärung von 1975 als vorsätzliche Gewalthandlung an einer Person zur Bestrafung, Geständniserpressung oder zur Einschüchterung definiert. Tatsächlich ist das an einem Einzelnen Auge in Auge verübte Folterverbrechen besonders unerträglich und verlangt – für jeden einsehbar – als grausige Untat geahndet zu werden. Aber die technische Revolution hat die Möglichkeiten von brutaler Erpressung, Einschüchterung, Entwürdigung und Bestrafung unendlich erweitert, vor allem aber auch psychologisch erleichtert. Der französische Philosoph Emmanuel Lévinas hat in seinem Buch „Die Spur des Anderen“ beschrieben, was es bedeutet, dem Anderen in die Augen zu sehen. „Dem Anderen von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen, das bedeutet, nicht töten zu können.“ Und er schreibt auch: „Vor dem Anderen, ist das Ich unendlich verantwortlich.“ Die Verantwortung wird in dem persönlichen Gegenüber offenbar. Zygmunt Bauman bringt es auf die Formel: „Verantwortung, das Grundelement moralischen Verhaltens, entsteht aus der Nähe des Anderen. Nähe bedeutet Verantwortung, und Verantwortung ist Nähe.“

In der Folter erkennen wir deshalb spontan das furchtbare Verbrechen, weil sie in dieser persönlichen Nähe Auge in Auge geschieht. Daher auch das weltweite Entsetzen über die Misshandlungs-Fotos aus dem Bagdader Gefängnis Abu Ghureib. Aber inzwischen hat die Technik, wie gesagt, eine Vielzahl von Mitteln zum Quälen, Einschüchtern, Verstümmeln und Töten entwickelt, bei denen der Täter nichts davon wahrnimmt, geschweige denn spürt, was er anderen antut. Er bedient ein Gerät, und das ist es. Er erblickt aus dem Kampfflugzeug am Boden aufsteigenden Rauch, mehr nicht. Oder er sieht von einem Kriegsschiff Raketen davonfliegen, ein wunderschöner ästhetischer Anblick, aber er sieht nicht, wo sie einschlagen, und er hört nicht die Schreie der Verletzten. Das 20. Jahrhundert hat die Ära der Ausrottungsmentalität begründet, wie Robert J. Lifton diese psychologische Verfassung bezeichnet. Der Holocaust als industrieller Völkermord ist beispiellos. Auch in den Flächenbombardements von Städten drückt sich Ausrottungsmentalität aus, erst recht in der Atombombe auf Hiroshima. Das Kampfflugzeug, das 200.000 fachen Tod nach Hiroshima trug, wurde bezeichnenderweise christlich eingesegnet.

Man sagt, Hiroshima habe zu einer psychischen Abstumpfung geführt. Aber war nicht diese bereits Bedingung für jene schaurige Untat? Konnten die Physiker in Los Alamos die Atombombe nicht nur deshalb bauen, weil sie dabei das Empfinden dafür völlig unterdrückten, was sie mit ihrem Erzeugnis an Massensterben, an Verkrüppelung, an chronischem Siechtum und an Erbschäden hervorrufen könnten?

Würde ein Mensch einen anderen mit einer verheerenden Waffe zu bedingungsloser Unterwerfung erpressen, so würden wir nicht zögern, diese Brutalität als Art von Folter zu verurteilen und zu ahnden. Wenn eine Nation mit eigener Nuklearübermacht andere unter Androhung eines Präventivkrieges zu Gefügigkeit erpresst, so verdeckt allein schon die Dimension dieses Szenarios die darin enthaltene Unmenschlichkeit. Aber es ist eine foltergleiche Unmenschlichkeit. Es gibt rechtliche Barrieren, so etwa den Atomsperrvertrag, der seit 1970 alle Signatarstaaten zu Verhandlungsschritten verpflichtete, die in eine vollständige nukleare Abrüstung einmünden sollen. Nichts ist geschehen.

Einsteins Hoffnung, das Empfinden gemeinsamer Selbstbedrohung würde die Völker zu entschlossener Abwehr zusammenschweißen, blieb unerfüllt. Die rechtlichen Regelungen zur Eindämmung organisierter Unverantwortlichkeit sind da. Aber die moralische Widerstandskraft blieb unterentwickelt. Diese hängt indessen von intakter Empfindsamkeit ab, durch die soziale Verantwortung erst klar erkannt wird. Wo sich kein Mitgefühl mehr rührt, wächst auch kein Kampfgeist zur Durchsetzung und Stärkung von Humanität. Richard Rorty, der bekannte amerikanische Philosoph, hat knapp eine Einsicht formuliert, für die auch ich seit Jahrzehnten werbe. Sie lautet: „Der moralische Fortschritt ist davon abhängig, dass die Reichweite des Mitgefühls immer umfassender wird.“

Gemeint ist ein Mitfühlen, das verbindliche Nähe schafft und aktiven Beistand herausfordert. Mitfühlen ist die stärkste Gegenkraft gegen Selbsthass und dessen Abwehr durch die Gut-Böse-Spaltung der Welt. Das muss schon das Kind immer wieder erfahren als Fundierung seines Vertrauens in die Welt und in sich selbst. Der heute in der Pädagogik einseitige Blick auf messbare Kenntnisse und Fertigkeiten, der die Bildungsdiskussion beherrscht, macht mir Angst, weil die Schulung von Sensibilität, Gemeinschaftssinn und sozialer Verantwortung, wofür es heute gute methodische Hilfen gäbe, sträflich vernachlässigt wird. Ich finde dafür bei Schülerinnen und Schülern in höheren Klassen oft mehr Verständnis als bei der Erziehergeneration. Damit aber habe ich schon die Grenze meines Themas endgültig überschritten, obwohl es mir so vorkommt, dass hier eigentlich angefangen werden müsste.

 

 

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