2 livres
Karl Abraham
Psychoanalytische Studien, Band I
(Gießen, Psychosozial-Verlag, 1999)
Karl Abrahams Schriften wurden 1933 in Deutschland verbrannt. Die
"jüdische Wissenschaft" der Psychoanalyse mit ihren
"schmutzigen" Inhalten sollte ganz und gar aus dem germanischen Reich
verbannt werden.
Wer war Karl Abraham? Gelebt hat er, zur großen Trauer seiner Mitarbeiter,
vor allem auch zum Kummer Freuds, sehr kurz, nämlich nur 48 Jahre lang
(1877-1925). Freud war über den Verlust eines seiner begabtesten Mitstreiters
so traurig, dass er es einen Monat lang nicht über sich brachte, der Witwe ein
Kondolenzschreiben zu schicken.
Abrahams Werk wurde erst 1969 vom Fischer-Verlag als "Gesammelte
Schriften" neu aufgelegt und ist seither längst wieder vergriffen. Nun hat
der Psychosozial-Verlag diese Ausgabe neu gedruckt - unverändert, mit einem
Vorwort von Johannes Cremerius, das eine kurze Einführung in das Leben und Werk
Abrahams darstellt.
Abraham, der in Berlin lebte, hat gemeinsam mit Freud die Psychoanalyse seit
1907 ein großes Stück weiterentwickelt. Sein Werk eröffnet faszinierende
Einblicke in die Entstehung eines neuen Denksystems. Dieses stand so konträr
zum damaligen (und leider auch heutigen) System der Psychiatrie und Psychologie,
dass es nicht verwundert, dass die Wissenschaftler damals auch Abraham in fast
ehrabschneidender Form abwerteten. "Lächerlich" nannten sie seine
Studien, "entsetzt" waren sie und hofften sogar, dass auch Freud sich
diesem Entsetzen anschließen würde.
Dies hat er natürlich nicht getan, sondern seinen getreuen Schüler und
Freund immer wieder ermuntert. Die Fortführung und oft auch Verdeutlichung
Freudscher Gedanken gibt dem Verständnis Tiefe und Fülle. Es gibt Passagen in
Freuds Werk, die viele Psychologen und Psychotherapeuten oft gedankenlos
zitieren, in der irrigen Vorstellung, sie zu verstehen. In den Worten eines
anderen ausgedeutet und weitergedacht, werden sie aber in ihrem Bedeutungsgehalt
oft vielschichtiger und so der Missverständnisse entkleidet. (Eva Jaeggi)
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Karl Abraham
Psychoanalytische Studien, Band II
(Gießen, Psychosozial-Verlag, 1999)
Nehmen wir - Stein des Anstoßes für
viele - zum Beispiel den berühmten "Versuch der Entwicklungsgeschichte
der Libido", einen sehr langen Aufsatz, den Abraham 1923/24 geschrieben hat.
Hier wird der Gedankengang Freuds über die Entwicklung der Psychosexualität
(oral-anal-phallisch-genital) anhand zweier Krankheitsbilder - Melancholie
und Zwangsneurose - aufgegriffen und von neuen Seiten betrachtet. Dass laut
Freud ambivalent geliebte und gehasste wichtige Bezugspersonen "oral introjiziert" werden
oder "anal ausgeschieden" werden, mag auch psychoanalytisch interessierten
Psychotherapeuten als irgendwie merkwürdig, vielleicht sogar abstoßend,
jedenfalls übertrieben erscheinen. Allenfalls konzediert man eine relativ
skurrile Sprache für Sachverhalte, die man ja kennt: Man mag jemanden
nicht und schließt ihn aus dem Bekanntenkreis aus - na und? Warum muss
man denn das mit "analer Ausstoßung" beschreiben? Genau hier aber liegt
der wesentliche Punkt: Ja, man muss es, denn sonst hat man das Wesentliche
der Psychoanalyse nicht verstanden; sonst hat man nicht verstanden, dass
es die basalen kindlichen körperlichen Funktionen sind, die hier in
unser Erwachsenenleben hineinwirken - ein Grundgedanke der psychoanalytischen
Entwicklungslehre. Und genau da ist Abraham ein wunderbarer Führer.
In nüchterner Sprache führt er seine immense Kenntnis fremder Sprachen,
fremder Mythen und Riten ins Feld. Er zeigt auf, wie in vielen Sprachen diese "Ausstoßung" eines
Menschen auch sprachlich noch im körperlichen Vorgang der Defäkation
wurzelt; er geht auf Riten zurück, er berichtet von kindlichen Aussprüchen
und von fremd anmutenden Gedanken der Psychotiker, die durch diesen Gedankengang
verständlich werden - und unter der Hand wird klar, warum das Beharren
auf einer bestimmten Sprachregelung in der Psychoanalyse nichts Zufälliges,
nichts ist, was man einfach durch Alltagssprache ersetzen könnte.
Abraham hat beispielsweise von der Sitte mancher
Kulturen, am Grabe eines Angehörigen ihren Kot zu entleeren, gesprochen,
was wiederum den Zusammenhang von seelischem Verlust und körperlicher
Funktion aufzeigt. Es ist bei vielen an der Psychoanalyse interessierten
Psychotherapeuten Sitte geworden, die Libidotheorie zwar zu belächeln,
sich aber einzelne Versatzstücke herauszuholen - sozusagen zu beliebigem
Gebrauch. Dass einer ein Narziss sei oder ein Zwangscharakter, dass er dauernd "abwehren" muss,
das wird sogar von soliden Verhaltenstherapeuten öfters behauptet. Dass
man aber mit diesen Begriffen nicht umgehen kann, ohne das Fundament zu kennen,
das gerät immer wieder in Vergessenheit.
Die Psychoanalyse - und dies macht Abraham in
besonderer Weise klar - ist ein System, das Stützpfeiler in die schwankende
Basis dessen, was wir als "Seele" bezeichnen, gezogen hat. Dass es viele
empirische Daten im menschlichen Seelenleben gibt, die sich mittels der psychoanalytischen
Basisbegriffe besser erklären lassen, das muss man lesend-nachdenkend
erfahren.
Was bei Abraham unter anderem fasziniert, ist
seine sehr genaue Beobachtung kranker Menschen. Er hat vermutlich mehr "echte" Patienten
behandelt als Freud. Seine spezifische Art, Krankengeschichten zu schreiben
und diese mit Theorie zu verbinden, hat später Schule gemacht. Zu den
vielen Bereichen, mit denen Abraham sich befasst hat, gehören neben
klinischen Themen wichtige Schriften zur Libidotheorie, zur Charakterbildung,
aber auch zur angewandten Psychoanalyse. Er hat Mythen und Rituale verschiedener
Völker analysiert, er hat - unter vielem anderen - wegweisende Schriften
zum weiblichen Kastrationskomplex verfasst. Die Schriften vieler psychoanalytischer
Theoretiker basieren auf seinen Gedanken, oft ohne dass jene Autoren es wissen.
So sind seine Überlegungen zur Charakterbildung als Abwehr und Sublimierung
wegweisend für sehr viel, auch ganz modernes psychoanalytisches Denken
geworden. (Eva Jaeggi)
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Études Psychanalytiques
La Collection Études Psychanalytiques veut proposer un pas de côté et non de plus, en invitant tous ceux que la praxis (théorie et pratique) pousse à écrire, ce, « hors-chapelle », hors « école », dans la psychanalyse.
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